Filterfabrik B. Braun, Wilsdruff

In Wilsdruff bei Dresden entstand ein hochmodernes Werk für die Herstellung von Dialysefiltern für Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz. Neugebauer + Rösch Architekten schufen für die B. Braun Melsungen AG einen kompakten Baukörper, der sich mit seiner transparenten Eingangsfassade selbstbewusst und zugleich einladend zeigt. Den Prozessdampf für den Fertigungsprozess der Dialysatoren liefern zwei Vitomax 300 HS Hochdruck-Dampferzeuger.
 




Daten und Fakten

Standort: Dresdner Tor 5, 01723 Wilsdruff
Bauherr: B. Braun Melsungen AG, Melsungen
Architekt/Planer: Neugebauer + Rösch Architekten, Stuttgart
Bauzeit: 04/2016-09/2018
Investitionskosten: über 100 Millionen Euro
BGF/BRI: 21.733 m²/118.000 m³
Primärenergiebedarf: 72,12 kWh/m2a (43 % unter EnEV 2013)
Energieträger: Erdgas


Architekten/Bauunternehmen

Architektur

Neugebauer + Rösch Architekten
Eberhardstr. 61
70173 Stuttgart
Tel.: 0711 2484778-0
Fax: 0711 2484778-22
nr@neugebauer-roesch.de
www.neugebauer-roesch.de

Erdarbeiten/Gründung

Faber Bau GmbH
Galgenwiesenweg 23-29
55232 Alzey
Tel.: 06731 492-0
Fax: 06731 492-248
fb-alzey@eiffage.de
www.eiffage-infra.de/faber-bau


Fachplaner

Tiefbauingenieure

Müller-Miklaw-Nickel
Ingenieurgesellschaft mbH

Lindenhöhe 1
01665 Klipphausen
Tel.: 035244 480-0
Fax: 035244 480-31
info@mmn-ing.de
www.mmn-ing.de

Tragwerksplanung

Reitz und Pristl Ingenieur GmbH
Königsplatz 42
34117 Kassel
Tel.: 0561 70774-0
Fax: 0561 70774-20
rp@rp-tragwerk.de
www.rp-tragwerk.de

Haustechnikplanung (TGA und Elektro)

Schnepf Planungsgruppe
Energietechnik GmbH & Co.KG

Werner-von-Siemens-Str. 4
72202 Nagold
Tel.: 07452 68098-0
Fax: 07452 68098-98
info@pg-schnepf.de
www.pg-schnepf.de

Freiflächenplanung

Kretzschmar & Partner
Goppelner Str. 40
01219 Dresden
Tel.: 0351 43620-0
Fax: 0351 43620-20
info@kretzschmar-partner
www.kretzschmar-partner.de

Entwurfsaufgabe

Auf der Hühndorfer Höhe im Gewerbegebiet Wilsdruff ließ die B. Braun Melsungen AG Europas modernste Produktionsstätte von Dialysatoren für die Blutwäsche chronisch nierenkranker Menschen bauen. Der weltweit in der Gesundheitsbranche tätige Konzern verdoppelte damit seine Produktionskapazität in Sachsen und ist nun mit drei Werken am Standort Dresden vertreten. Der Neubau, für den das Stuttgarter Architekturbüro Neugebauer + Rösch verantwortlich zeichnet, liegt verkehrsgünstig an der Autobahn A4 westlich der Landeshauptstadt und bietet zum gegenwärtigen Zeitpunkt 140 Arbeitsplätze. Er ging aus einem Architekturwettbewerb mit neun namhaften Teilnehmern hervor; die komplexe Aufgabe bestand darin, die im ersten Bauabschnitt geplante Dialysatorenfabrik gemäß den technologischen Erfordernissen zu entwerfen und an die topographischen Gegebenheiten anzupassen. Gleichzeitig war ein Masterplan für die Entwicklung des Standorts in zehn Jahren zu erarbeiten: Die Anlage sollte flexibel und produktionsunabhängig erweiterbar und somit zu einem Zentrum für die Planung und Herstellung von Dialysatoren mit Campuscharakter ausbaubar sein.

Die Wettbewerbsjury kürte den Entwurf von Neugebauer + Rösch einstimmig zum Sieger, da er die „angemessene Balance zwischen repräsentativem Auftritt und Funktionalität finde, sich harmonisch in die Landschaft einfüge und bei jeder Erweiterung jeweils als ein geschlossenes Ganzes wirke“. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts ist der Baukörper der neuen Filterfabrik 143 Meter lang, 62 Meter breit und zwischen acht und 14 Metern hoch. Er lässt sich an beiden Längsseiten erweitern und kann im Endausbau eine Breite von fast 180 Metern erreichen. Den Kern des Projekts bildet die Produktionshalle, in der die Dialysatoren unter Reinraumbedingungen zusammengebaut werden. Büro-, Gemeinschafts- und Logistikflächen sowie ein rückwärtiges, leicht versetzt angeordnetes Kesselhaus komplettieren das ästhetisch anspruchsvolle Industrieensemble.



Projektbeschreibung

Der Bauherr erwarb ein 10,8 Hektar großes Grundstück für die neue Blutwäschefilterfabrik sowie das Vorkaufsrecht für weitere Flächen, um die künftige Erweiterbarkeit der Anlage zu gewährleisten. Diese öffnet sich Mitarbeitern wie Besuchern mit einem einladend gestalteten Vorplatz: Zwei großzügige Pflanzflächen und ein in hell- und dunkelgrau changierender Pflasterbelag führen zur vollverglasten Fassade des repräsentativen Entrees. Das weit auskragende Vordach, das auf schlanken Stahlstützen ruht, schafft einen geschützten Eingangsbereich und dient zugleich der Verschattung der raumhohen Glasflächen. Schon von außen sind das zweigeschossig angelegte Foyer, die zum Eingangsraum hin offene Cafeteria und die über eine gewendelte Treppe erreichbare Galerieebene erkennbar. Während sich links des Entrees eine direkte Verbindung zur Versandabteilung befindet, haben die Planer rechts des Eingangs eine Beton-Glas-Box angeordnet, die einen Besprechungsraum sowie dahinterliegende Toilettenanlagen aufnimmt. Schon hier wird ein architektonisches Prinzip deutlich, das sich durch die gesamte Fabrikanlage zieht: Transparenz, Offenheit und größtmögliche Vernetzung der einzelnen Werksteile wie auch Mitarbeiter untereinander. Daher bestehen Sichtverbindungen zu fast allen Funktionsbereichen innerhalb des Werks: Vom Campus aus kann man durch das Foyer, durch den Reinraum, durch das Lager sogar bis ans andere Ende des Grundstücks blicken. Die offene Cafeteria bildet dabei das kommunikative Herz des Werks: Hier treffen sich die Mitarbeiter aus allen Abteilungen der Fabrik in ihren Pausenzeiten.

Auf der Galerieebene, von der aus die rund 350 m² an Bürofläche erschlossen werden, fällt der Blick direkt auf eine kleine gepflasterte Dachterrasse mit Pflanzkübeln und Sitzgelegenheiten. Sie dient den Angestellten des Verwaltungstrakts als Erholungs- und Rückzugsbereich und ermöglicht eine optimale Tageslichtversorgung des Großraums. Dieser wird von einzelnen Funktionselementen strukturiert und vereint auf diese Weise die Vorteile von kleinen Büroeinheiten mit denen von Gruppenbüros.

Ein Besuchergang im Obergeschoss ermöglicht Einblicke in die Fertigung auf Erdgeschossebene. Selbst dort, in den im Halleninneren gelegenen, hermetisch abgetrennten Reinräumen, verfügen die Montage- und Produktionsmitarbeiter über einen direkten Bezug zur Außenwelt: Zwei mit Schiefersteinfindlingen künstlerisch gestaltete und voll verglaste Lichthöfe erhellen die sterilen Arbeitsräume nicht nur mit natürlichem Licht, sondern bieten den Augen der Angestellten auch wohltuende Abwechslung. Hier zeigt sich, dass die Architekten eine durchgängig hochwertige Gestaltung der Arbeitsumgebung für alle im Werk Beschäftigten umsetzten. Für produktionsnahe Büro- und Sozialbereiche wurden daher auch großzügige 540 m² eingeplant.

Die hoch automatisierten Produktionsanlagen für die Dialysatorenherstellung nehmen mit 5.880 m² an Fläche selbstredend den größten Raum im Werk ein. Vom Rohstoff bis zum versandfertigen Paket findet hier der gesamte Prozess statt. Die Produktion läuft in drei Schichten, also zu allen Tages- und Nachtzeiten. Die dafür benötigten Bauteile werden zum Teil vor Ort in separaten Hallenabschnitten hergestellt und in den entsprechenden Fertigungsstufen an die Montagelinie geschickt.

Eine besondere Herausforderung bestand darin, einen dominierenden Reinraum, in dem die Konzentration luftgetragener Partikel dauerhaft sehr gering gehalten werden muss, und Bereiche mit Standardproduktionsbedingungen effizient miteinander zu verbinden. Rund um die Fertigungslinie sind daher die Nebenflächen für Logistik, Umkleiden und Aufenthaltsbereiche so angeordnet, dass der Materialfluss und die Wege von Mitarbeitern und Besuchern effektiv und störungsfrei verlaufen. Angegliederte Werkstatt- und Laborbereiche sowie das Rohstofflager machen zusammen rund 990 m² aus.

Baukonstruktion

Sichtbeton, Metall und Glas charakterisieren den langgestreckten Fabrikneubau, der auf Pfählen gegründet ist. Besonders das weitläufige Foyer zeichnet sich durch großflächige, mit Trägerschalungen realisierte Sichtbetonoberflächen in lebendigen Grautönen aus. Sie sind wie der gesamte Bau im Achsraster von 2,40 Metern hergestellt. Auch die imposante raumhohe Glasfassade mit Isolierglasscheiben im Format von 2,40 auf 7,00 Metern bezieht sich auf diese Ordnung. Kein Profil stört hier Aussicht und Einblicke. Mit dem schwarzen, flächig hergestellten Terrazzofußboden und der Wendeltreppe in Stahl-Glas-Konstruktion haben die Planer im Foyer Gestaltungselemente aus anderen Werken von B. Braun aufgegriffen und neu interpretiert; für den Bauherrn spielt qualitativ hochwertige Industriearchitektur traditionell eine wichtige Rolle.

Insgesamt lässt sich das Gebäude als Hybridbau aus Ortbeton, Betonfertigteilen und einem Stahlskelett bezeichnen. Bis zu 28 Meter weit gespannte Stahlfachwerkträger tragen die Lasten aus der Stahlbeton-Deckenplatte über den freien Reinraumzonen; das Achsraster der Betonfertigteilstützen beträgt hier in Längsrichtung fast 12 Meter. Im Dachgeschoss befindet sich eine aufgesetzte Technikzentrale als Stahlkonstruktion mit freigespannten Rahmensystemen. Das aussteifende Rückgrat der Anlage mit dem Besuchergang und der zentralen Infrastruktur ist als zweigeschossiges 3-D-Rahmen-Tragwerk in Ortbeton ausgeführt und hochbewehrt. Es nimmt die Horizontalkräfte aus den großen Dach- und Fassadenflächen auf. Die Fassaden der technischen Nebengebäude, die u.a. die Sprinkleranlage, die Dampfdruckkessel sowie komplexe Produktionstechnologien beherbergen, bestehen aus großen Betonfertigteilen, die ebenfalls im strengen 2,40-Meter-Raster erstellt sind.

Da die Architekten bereits in diesem Stadium mögliche Erweiterungen berücksichtigen mussten, ließen sie die langen Seitenfassaden des Baukörpers mit kostengünstigen und leicht demontierbaren Sandwichelementen verkleiden.


Interview

mit Robert Rösch, Partner bei Neugebauer + Rösch Architekten, Stuttgart


Was waren aus Ihrer Sicht die besonderen Herausforderungen bei dieser Bauaufgabe?
Hier würde ich die relativ kurze Planungs- und Bauzeit als einen der wesentlichen Faktoren sehen. Hinzu kommt aber auch die Integration der komplexen Technik in die gesamte architektonische und funktionale Konzeption der Industrieanlage.

Welche architektonischen/gestalterischen Grundideen konnten Sie in Wilsdruff umsetzen?
Wir haben meiner Meinung nach durchgängig eine hohe gestalterische Qualität erreicht, was im Industriebau nicht unbedingt immer das oberste Ziel ist. Wichtig waren uns schon im Wettbewerb die großformatigen Glas- und Betonflächen, die das gesamte Erscheinungsbild des Bau nachhaltig prägen. Außerdem konnten wir ein hohes Maß an Transparenz zwischen den verschiedenen Bereichen einerseits, aber andererseits auch zwischen Innen- und Außenraum schaffen.

Inwieweit haben die zahlreichen haustechnischen Anlagen und industriellen Erfordernisse Ihre Architektur beeinflusst?
Ich würde sagen, komplett! Gut die Hälfte der Kubatur ist bei der Filterfabrik der Technik geschuldet. Insofern betrachten wir die Technik nicht anders als andere Funktionen in einem Industriegebäude und schon gar nicht losgelöst davon. Es muss alles zusammenpassen und sinnvoll integriert werden.

Warum sind die beiden Dampfkessel in ein eigenes Technikgebäude ausgelagert worden?
Die Hochdruck-Dampferzeuger befinden sich aus Gründen des Explosionsschutzes sowie wegen der besonderen Anforderungen an die Statik und Raumhöhe in einem eigenständigen Baukörper am unteren Hallenende. Auf diese Weise lassen sich aber auch Nachrüstungen für zukünftige Bauabschnitte leichter realisieren.

Wie gelangt der Prozessdampf letztlich in die Fertigungshalle?
Von der Dampfzentrale führt eine Installationsbrücke zum Technikgeschoss im Hauptgebäude. Von hier aus erfolgt die Verteilung zu den Verbrauchern in der Produktionshalle über vertikale Medienschächte.

Presseschau

Publikationen

Pressemitteilungen
- B. Braun baut Europas modernste Produktionsstätte von Dialysatoren in Wilsdruff in Sachsen, www.bbraun.de, 08/2015
- Eine Fabrik am See, www.bbraun.de, 09/2015
- B. Braun baut in Wilsdruff, www.bbraun.de, 02/2016
- In Sachsen wird in die Zukunft der Dialyse investiert, www.bbraun.de, 02/2016
- B. Braun weiht Europas modernste Produktionsstätte für Dialysatoren in Sachsen ein, www.bbraun.de, 09/2018

Tageszeitungen
- Modernstes Blutfilter-Werk startet in Wilsdruff, Dresdner Neueste Nachrichten, www.dnn.de, 09/2018

Fernsehen
- Europas modernste Produktionsstätte für Dialysatoren eingeweiht, www.sachsen-fernsehen.de, 09/2018
- Modernste Medizintechnik aus Wilsdruff, www.mdr.de, 09/2018

Architekturdokumentationen
- Filterfabrik B. Braun in Wilsdruff (Sachsen), www.german-architects.com

Auszeichnungen

- BDA-Preis Sachsen 2019, Bund Deutscher Architekten, 03/2019

Technischer Ausbau

Reinraum

Ein besonderes Entwurfsthema stellte der Weg der Mitarbeiter zu den Arbeitsplätzen im partikelfreien Reinraum dar: Zuerst wird die Straßenkleidung abgelegt, dann wird die desinfizierte Arbeitskleidung angezogen. Alle Haare müssen abgedeckt und die Hände gründlich desinfiziert werden. Letzteres geschieht an einem eigens von den Architekten entworfenen Sanitärmöbel, der sogenannten Waschflocke, mit acht sternförmig angeordneten Waschbecken aus Corian. Erst danach dürfen die Mitarbeiter über Schleusen den Reinraum betreten. Dort herrscht ein kontinuierlicher Überdruck, sodass hier ein überdurchschnittlich hoher Dichtheitsanspruch an die Gebäudehülle und die Trennwände bestand.

Prozessdampf

Für die Fertigung der Blutwäschefilter benötigt B. Braun u.a. Prozessdampf mit einem Druck von 8 bar und einer Temperatur von 150° Celsius. Diesen stellt eine Dampfkesselanlage zur Verfügung, die in einem eigenen Kessel- und Sprinkleranlagenhaus direkt hinter der Produktionshalle untergebracht ist. Die beiden Hochdruck-Dampferzeuger Vitomax 300-HS von Viessmann liefern jeweils eine Leistung von knapp 5 MW und werden mit Erdgas betrieben. Die Verbrennung erfolgt besonders emissionsarm, sodass der Wirkungsgrad der Kessel mit Economiser auch bei 100 % Last bei über 95,5 % liegt. Dank ihrer großen Ausdampffläche mit integriertem Dampftrockner erreichen sie eine hohe Dampfqualität mit niedriger Restfeuchte. Außerdem zeichnen sie sich durch eine hohe Service- und Wartungsfreundlichkeit aus. Die in der Produktion anfallende Wärmeenergie wird wiederum zu 70 % für die Kühlung der Industrieanlage verwendet.

> Produktinfos Hochdruck-Dampferzeuger Vitomax HS

Autor: Tanja Feil
Fotos: Till Schuster, Dresden / B. BRAUN Melsungen AG / Alexander Schädel, Schnepf Planungsgruppe