Generalsanierung eines Wohnhochhauses in Pforzheim



Daten und Fakten

Standort: Güterstraße 33, 75177 Pforzheim
Bauherr: Pforzheimer Bau & Grund GmbH
Architekt/Planung: Freivogel-Architekten, Ludwigsburg/Pforzheim

Bauzeit: 1970-1972
Sanierung: 2013-2014
Fertigstellung: 10/2014

Bestand vor der Sanierung:
BGF: 2.669 m²
BRI: 7.236 m³
Nutzfläche: 1.626 m²
Geschosse: 9
Wohneinheiten: 16
Gewerbe: 1

Nach der Sanierung:
BGF: 3.432 m²
BRI: 9.616m³
Nutzfläche: 1.908 m²
Geschosse: 10
Wohneinheiten: 18
Gewerbe: 1

Energetische Kennwerte vor der Sanierung:
Primärenergiebedarf: 236,9 kWh/a
Jahresheizwärmebedarf: 195,7 kWh/m²a
CO2-Emissionen: 65,9 kg/(m²a)

Nach der Sanierung:
Primärenergiebedarf: 30 kWh/a
Jahresheizwärmebedarf: 12 kWh/m²a
CO2-Emissionen: 6 kg/(m²a)

Energiestandard: Nullenergiehaus
Energieträger: Sonne, Luft, Erdwärme, Eis, Wind

Investitionsvolumen:
2,4 Mio. Euro

Förderprogramme:
Deutsche Energie-Agentur (dena) - Modellvorhaben „zukunft haus":
„Auf dem Weg zum EffizienzhausPlus - klimaneutrales Bauen und Sanieren"
Klimaschutz- und Energieagentur (KEA) Baden-Württemberg - Modellvorhaben: „Pforzheim, sonnenklar"

Preise:
Auszeichnung beim „Deutscher Architekturpreis 2015"

Architekten

Freivogel-Architekten
Diplomingenieure Freie Architekten
Alleenstraße 6
71638 Ludwigsburg
Tel.: 07141-6489714
Fax: 07141-446204
mail@freivogel-architekten.de
www.freivogel-architekten.de

Inhaber:
Jochen Freivogel und Steffen Meyer

Bürophilosophie
Wir sind der Überzeugung, dass nur durch die konsequente Verknüpfung aller Betrachtungs- und Maßstabsebenen qualitätsvolle Architektur und Stadtplanung entstehen kann.
Unsere zentralen Ziele sind:
> Das Wesen und die Potenziale der an uns gestellten Planungsaufgaben in ihrer Ganzheit wahrzunehmen,
> hierauf basierend angemessene Konzepte fachübergreifend zu entwerfen und
> diese in der weiteren Projektbearbeitung auf das Wesentliche zu reduzieren und gemeinsam mit den Bauherren/ Nutzern sorgfältig umzusetzen.

Fachplaner

Energiekonzept
Transsolar Energietechnik GmbH
Curiestraße 2
70563 Stuttgart

Tragwerksplanung
IFT-S Ingenieurbüro für Tragwerksplanung
Dipl.-Ing. (FH) Berat. Ing. BDB Joachim Sommer
Hofstraße 1
75417 Mühlacker

HLSE-Planung
IGP Ingenieurgesellschaft für Technische Ausrüstung mbH
Karlsruher Str. 34
75179 Pforzheim


Entwurfsaufgabe

In den vierzig Jahren seit das neunstöckige Wohnhochhaus an der Güterstraße durch die Deutsche Bundesbahn erbaut worden war, fanden keine umfassenden Instandhaltungs- oder Renovierungsarbeiten an dem Gebäude statt. Zwar war die Bausubstanz solide, doch wiesen Fassade und Fenster Mängel auf und der Jahresheizwärmebedarf betrug 195,7 KWh/m²a.

Der heutige Eigentümer, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Pforzheimer Bau & Grund GmbH, beauftragte mit der Sanierung schließlich Freivogel-Architekten aus Ludwigsburg. Neben einer baulichen Generalsanierung zur Verbesserung der Energiebilanz wünschte sich der Bauherr zusätzliche Wohnfläche durch eine Aufstockung. Des Weiteren sollte das Wohnhochhaus als neue Landmarke im städtebaulichen Umfeld weithin sichtbar sein.

Die Generalsanierung und das neue Energiekonzept wurden als Leuchtturmprojekt für das Modellvorhaben „zukunft haus": „Auf dem Weg zum EffizienzhausPlus - klimaneutrales Bauen und Sanieren" durch die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) ausgewählt. Gemeinsam mit den Fachplanern reduzierten die Architekten mithilfe einer hochwärmegedämmten neuen Gebäudehülle den Jahresheizwärmebedarf auf nur 12 KWh/m²a. Herzstück des innovativen Energiekonzepts ist ein Eisspeicher-System von Viessmann, das über unsichtbar in die Fassade integrierte Solar/Luftabsorber mit Wärmeenergie gespeist wird. Der Strom für den Betrieb der Wärmepumpen wird auf dem Dach erzeugt. Die hauseigene Windkraftanlage und die Photovoltaikanlage machen das Wohnhochhaus energie-autark.



Projektbeschreibung

Pforzheim liegt im Nordwesten von Baden-Württemberg am Zusammenfluss von Enz, Nagold und Wärm. Die Großstadt mit rund 120.000 Einwohnern ist das Oberzentrum der Region Nordschwarzwald und wird auch als „Pforte zum Schwarzwald" bezeichnet.

Nördlich des Pforzheimer Innenstadtkerns und nur durch die Güterstraße von den Gleisanlagen des Hauptbahnhofs getrennt, errichtete die damals staatliche Deutsche Bundesbahn im Jahr 1970 ein neunstöckiges Hochhaus mit einer Gewerbeeinheit im Erdgeschoss und 16 Mietwohnungen für Angestellte der Bundesbahn in den acht darüberliegenden Etagen. Mit einer gleichmäßigen Lochfassade und kleinen vorgelagerten Balkonen entsprach die Architektur des Wohnhochhauses dem Zeitgeist der 1970er Jahre.

Mit der Pforzheimer Bau & Grund GmbH erwarb schließlich die größte Wohnungsbaugesellschaft der Stadt das Wohnhaus an der Güterstraße von der Deutschen Bahn. Das städtische Unternehmen war bereits im Jahre 1919 als Gemeinnützige Baugesellschaft mbH Pforzheim Stadt gegründet worden und ist seither als leistungsstarke und unabhängige Gesellschaft sowie mittelständisches Unternehmen tätig, um in Pforzheim Wohnraum zu schaffen und zu erhalten. Gemäß der Präambel des Leitbilds sieht sich die Wohnungsbaugesellschaft dabei als Erbauer, Vermieter und Verwalter im Sinne seiner Kunden und Gesellschafter verpflichtet, gemeinsam mit Architekten und regionalen Handwerksbetrieben die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung in einem lebenswerten Wohnumfeld zu schaffen. Schwerpunkt ist dabei die Modernisierung und Instandhaltung der Bestandsimmobilien, um die nachhaltige Vermietbarkeit der Wohnungen zu sichern. Der Großteil der Mieteinnahmen wird in Neubau, Modernisierung und Instandhaltung sowie energieeinsparende Maßnahmen investiert.

Im Jahre 2011 befand sich das Wohnhochhaus noch im baulichen Ursprungszustand. Abgesehen von kosmetischen Renovierungsarbeiten durch die Mieter hatten bis dahin keine Instandhaltungs- oder Sanierungsarbeiten durch den ehemaligen Eigentümer stattgefunden. Zwar wurde die Bausubstanz als solide eingestuft, doch eine Sanierung war dringend erforderlich. Die Fassaden waren stark verschmutzt und unzureichend gedämmt, die Fenster undicht und die Jalousien im Scheibenzwischenraum zum Teil defekt sowie die Bäder sanierungsbedürftig und nicht mehr zeitgemäß. Die Wohnungen wurden zudem über elektrische Nachtspeicheröfen beheizt und die Warmwasserversorgung erfolgte dezentral über Boiler in den Wohnungen, so dass die Betriebskosten für die Mieter sehr hoch waren.

Mit der Generalsanierung des Wohnhauses beauftragte die Pforzheimer Bau & Grund GmbH das Architekturbüro Freivogel-Architekten. Eine Analyse im Vorfeld ergab, dass die Grundrissstruktur der bestehenden 16 Mietwohnungen durchaus den heutigen Anforderungen genügt. Einzig die kleinen Balkone waren nicht mehr zeitgemäß. Das neunstöckige Hochhaus ist als Zweispänner mit einem zentralen Erschließungskern mit Treppenhaus und Fahrstuhl organisiert, der Eingang befindet sich in der Nordfassade. Die Wohnungen verfügen über rund 90 Quadratmeter Wohnfläche. Zu den Qualitäten des neungeschossigen Wohnhochhauses zählen zudem die zentrale Lage und die Nähe zum Hauptbahnhof, sowie die schöne Aussicht auf die Stadt und den Nordschwarzwald. Zahlreiche Mietwohnungen waren zu Planungsbeginn im Jahre 2011 nach wie vor durch die Erstmieter bewohnt.

Das Wohnhochhaus besetzt eine wichtige städtebauliche Position im Pforzheimer Stadtgefüge und bildet den Auftakt zur Nordstadt, die in den kommenden Jahren in Teilen umgestaltet werden soll. Aus diesem Grund sollte das Wohnhaus nicht nur baulich saniert, sondern auch das städtebauliche Umfeld aufwerten. Damit einher ging der Wunsch nach zusätzlicher Wohnfläche. Erste Konzeptionen mit bis zu drei neuen Geschossen konnten allerdings aus genehmigungsrechtlichen Gründen nicht umgesetzt werden. Stattdessen wurde das Wohnhochhaus um ein überhöhtes Penthouse-Geschoss mit zwei weiteren Wohneinheiten aufgestockt. Helle Räume mit großen Fensterflächen und Dachterrassen zeichnen die neuen, loftartigen Wohnungen aus. Indem die Architekten das neue Geschoss deutlich höher als die bestehenden Etagen ausbildeten, erhielt das Hochhaus einen neuen, definierten Gebäudeabschluss. Die Aufstockung verbesserte zudem die Gebäudeproportionen wahrnehmbar.

Zentraler Baustein der Generalsanierung ist eine neu hochwärmegedämmte hinterlüftete Gebäudehülle. Neben einem deutlich verbesserten Wärmeschutz trägt diese zu einer deutlichen Wohnkomfortsteigerung für die Bewohner hinsichtlich Schall- und Sonnenschutz bei. Die bestehenden Balkone wurden abgebrochen und durch vorgestellte, große Loggien vor der Südfassade ersetzt. Die Gewerbeeinheit im Erdgeschoss wurde neu aufgeteilt; nach der Sanierung zog hier die Geschäftsstelle der Kfz-Zulassungsstelle des Landratsamts ein.



Baukonstruktion

Während der 18 Monate dauernden Umbaumaßnahmen der Generalsanierung konnten die Mieter in ihren Wohnungen bleiben. Alle Arbeiten mussten daher mit Rücksicht auf die Bewohner geplant werden. Um den Zeitaufwand auf der Baustelle und die Staub- und Lärmbelästigung für die Mieter gering zu halten, entschieden sich die Architekten für den Einsatz von vorgefertigten Elementen.

Die Außenwände erhielten eine 30 Zentimeter starke Dämmschicht sowie eine hinterlüftete Hülle aus hellen, zehn Zentimeter starken Betonwerksteintafeln. Die Loggien vor der Südfassade wurden mit anthrazitfarbenen EternitPlatten ausgeführt. Da die vorhandene Baukonstruktion des Wohnhochhauses allerdings nicht für die zusätzliche Last der vorgesetzten Loggia und der neuen Fassade ausgelegt war und somit nicht an die Bestandsfassade gehängt werden konnte, mussten die Fundamente erweitert werden. Die örtlichen Gegebenheiten machten es notwendig, dass jede einzelne Platte vor Ort angepasst werden musste. Die Holz-Aluminium-Fenster mit Dreifachverglasung wurden nach Aufmaß einzeln angefertigt und eingepasst.

Die Sanierung der Bäder wurde sukzessive jeweils in Abstimmung mit den Mietern durchgeführt.


Interview

mit dem Architekten Jochen Freivogel, Freivogel-Architekten, Ludwigsburg


In welchem Zustand war das Wohnhochhaus vor der Sanierung?

Das Wohnhochhaus befand sich zu Planungsbeginn im Jahre 2011 noch im Ursprungszustand des Baujahrs 1970. Bis auf kosmetische Arbeiten durch die Mieter in den Wohnungen wurden bis zur Generalsanierung keine signifikanten Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten durch den ehemaligen Besitzer (Deutsche Bahn) durchgeführt. Dementsprechend war der bauliche Zustand: undichte Fenster mit zum Teil defekten Jalousien im Scheibenzwischenraum, geringe Wärmedämmung und ein hoher Energieverbrauch durch die Beheizung mit Nachtspeicheröfen.

Mit welchen Wünschen ist der Bauherr an Sie herangetreten?
Projektziel war es, an der städtebaulich sehr wichtigen Stelle in Pforzheim sowohl das Gebäude aufzuwerten, als auch dem stadträumlichen Umfeld ein „neues Merkzeichen"zu geben. Damit einher ging der Wunsch nach größerer attraktiver Wohnfläche in der Höhe. Es gab zunächst Konzeptionen mit bis zu drei neuen Geschossen, die jedoch genehmigungsrechtlich nicht umgesetzt werden konnten. Planungsergebnis war letztendlich ein überhöhtes Penthouse-Geschoss als neuer oberer Abschluss des Gebäudes.

Mit welchen baulichen Eingriffen haben Sie die Wohnqualität verbessert?
Zu Planungsbeginn stellte sich zunächst die Frage, ob die vorgefundene Grundrissstruktur zukünftiges Potenzial für eine gute Vermietbarkeit der Wohnungen bietet. Es zeigte sich, dass sich die Wohnungen sowohl durch die zentrumsnahe Lage als auch durch die funktionalen Zuschnitte großer Beliebtheit erfreuten - zum Teil waren die Wohnungen noch durch die Erstbezieher belegt. Neben den bereits oben geschilderten baulichen Mängeln waren die geringen Balkongrößen der größte Nachteil. Diesem wurde mit einem großzügigen vorgefertigten „Stadtregal" begegnet, das über die nahezu gesamte Gebäudebreite eine neue Loggia-Zone schafft.

Was mussten Sie beim Entwurf hinsichtlich der Bewerbung für das Modellvorhaben „zukunft haus" der Deutschen Energie-Agentur (dena) „Auf dem Weg zum Effizienzhaus Plusklimaneutrales Bauen und Sanieren" beachten?
Um die geschilderten Ziele umsetzen zu können, war es notwendig, dass das ambitionierte Projekt finanziell gefördert wird. Der Bauherr entschloss sich im Vorfeld für die Bewerbung im zweistufigen Wettbewerbsverfahren der dena, das je 20 Projekte aus den Bereichen Neubau und Sanierung bundesweit bezuschusst. Um sich im großen Bewerberfeld entsprechend positionieren zu können (rund 400 Bewerbungen) war eine interdisziplinäre Bewerbung erforderlich. So waren bereits ab der Leistungsphase 1 Transsolar (Energie-Engineering) und das Ingenieurbüro IGP (technische Gebäudeausrüstung) involviert.

Aus welchen Gründen haben Sie sich für einen Eisspeicher entschieden?
Aufgrund der neuen hochgedämmten Hülle ist der Energiebedarf entsprechend gering. Es wurden methodisch zahlreiche Alternativen betrachtet, wie auf die Umweltenergie thermisch effizient zugegriffen werden kann. Aufgrund der städtebaulichen Situation sprach der notwendige Platzbedarf gegen ein Erdsondenfeld. Der Eisspeicher konnte relativ kompakt unter dem Besucherparkplatz des Landratsamtes untergebracht werden. Im Zusammenspiel mit „unsichtbar" integrierten Fassadenabsorbern im geschlossenen Teil der Südfassade sind nach dem Monitoring die prognostizierten Leistungswerte höher als erwartet.


Presseschau

Tageszeitungen

„Architektur-Spaziergang durch Pforzheim: Blick auf Vergangenheit und Zukunft", Pforzheimer Zeitung, 28. Juni 2015
„Hohe Weihen für Hochhaus an der Güterstraße", Pforzheimer Zeitung, 23. Mai 2015
„Kleiner Bruder der großen Windräder", Pforzheimer Zeitung, 22. April 2015
„Hochhaus als ökologischer Leuchtturm", Pforzheimer Zeitung, 20. Februar 2015
„Pforzheimer Bau und Grund hat 2,4 Millionen Euro investiert", Pforzheimer Zeitung, 20. Februar 2015
„Ein kleines Windrad mit großer Wirkung", Pforzheimer Zeitung, 15. Dezember 2014
„Kürzere Wege - alles unter einem Dach", Pforzheimer Kurier, 4. November 2014

Fachzeitschriften

„Heiss mit Eis", db Metamorphose, 7+8/2015
„Von 200 auf Null in 16 Monaten", Gebäude-Energieberater, 7+8/2015
„Streng rational", XIA Intelligente Architektur, 04-06/2015

Energiekonzept

Bei der Planung der Generalsanierung arbeiteten Freivogel-Architekten von Beginn an intensiv mit den Fachplanern der Transsolar Energietechnik GmbH sowie dem ortsansässigen Ingenieurbüro IGP Ingenieurgesellschaft für Technische Ausrüstung mbH zusammen. Vor der Generalsanierung lag der Jahresheizwärmebedarf des Wohnhochhauses bei 195,7 KWh/m²a, die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen betrugen 65,9 kg/(m²a). Durch die neue, hochwärmegedämmte Fassade mit dreifachverglasten Fenstern reduzierten die Architekten und Fachplaner den Jahresheizwärmebedarf auf 12 KWh/m²a und den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid auf nur noch 6 kg/(m²a). Für die Mieter bedeutet dies eine Reduzierung der Energiekosten auf zehn Prozent der bisherigen Kosten.

Das neue Energiekonzept setzt zu hundert Prozent auf regenerative Energiequellen, so dass der Energiestandard eines Nullenergiehauses erreicht wurde. Die Deckung des geringen Jahresheizwärmebedarf übernimmt eine neue haustechnische Anlage mit einem Eisspeicher-System und in die Fassade integrierten Solar/Luftabsorbern. Photovoltaikmodule und eine Kleinwindkraftanlage auf dem Dach decken den Strombedarf. Durch Verzicht auf Verbundkonstruktionen und den Einsatz recyclingfähiger Baustoffe wurde zudem der Anteil an „grauer" Energie reduziert.

Der von den Architekten und Planern gemeinsam erarbeitete interdisziplinäre Entwurf setzte sich im zweistufigen Wettbewerbsverfahren der Deutschen Energie-Agentur (dena) für das Modellvorhaben „zukunft haus": „Auf dem Weg zum EffizienzhausPlus - klimaneutrales Bauen und Sanieren" als eines von 20 vorbildlichen Sanierungsprojekten durch. Dieses Modellvorhaben wird gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie von Viessmann. Die Generalsanierung und Aufstockung wurde zudem auf lokaler Ebene im Rahmen des Modellvorhabens „Pforzheim, sonnenklar" durch die Klimaschutz- und Energieagentur (KEA) Baden-Württemberg begleitet.

Heizung, Kühlung und Warmwasser

Die elektrischen Nachtspeicheröfen sowie die dezentralen Warmwasserboiler wurden aus den Wohnungen entfernt. Die Wärmeverteilung erfolgt in den Bestandswohnungen über vier Zentimeter starke, unter der Decke in den Wohnungen installierte Heiz- und Kühl-Deckenelemente, im Penthouse-Geschoss wurde eine Fußbodenheizung verlegt.

Die Heizwärme- und Warmwasserversorgung übernimmt ein Eisspeicher-System von Viessmann, dass gleich mehrere regenerative Energiequellen nutzt: Sonne, Luft, Erdwärme und Wasser. In einem Eisspeicher kann Wärme verlustfrei auf niedrigem Temperaturniveau gespeichert werden, was besonders wirtschaftlich ist. Die Wärme wird über in die Betonfertigteile der Südfassade integrierte Solar-/Luftabsorber gewonnen. In den geschlossenen Teil der Südfassade wurden werksseitig in die Betonwerksteinelemente unsichtbar Kunststoffrohre eingegossen. Auf einer Fläche von 92 Quadratmetern erwärmen sich die integrierten Solar/Luftabsorber durch die Einstrahlung der Sonne und die Temperatur der Umgebungsluft. Die so gewonnene Wärme wird in den Eisspeicher geleitet. Der Eisspeicher misst 6,5 Meter im Durchmesser und 3 Meter in der Höhe, das Fassungsvermögen liegt bei 81.000 Litern. In den Sommermonaten wird die durch die Solar/Luftabsorber gewonnene, überschüssige Wärmeenergie über Kunststoffspindeln im Inneren des Eisspeichers an das Speichermedium Wasser abgegeben. In den großvolumigen Wassermengen kann so die Wärme auf niedrigem Temperaturniveau im Eisspeicher zwischengespeichert werden. Die umgebende Erdwärme ermöglicht die Speicherung über längere Zeit und ohne aufwendige Isolierung.

Die gespeicherte Wärmeenergie wird dem unterirdischen Eisspeicher mit Beginn der kalten Jahreszeit wieder entzogen und den vier Warmwasserspeichern, die als Niedertemperaturspeicher dienen, über zwei als Kaskade geschaltete Wärmepumpen zugeführt. Die zwei Sole/Wasser-Wärmepumpen Vitocal 300-G von Viessmann nutzen dazu die im Eisspeicher enthaltene Kristallationsenergie beim Übergang zu Eis und entziehen dem Wasser die Wärme. Die eingesetzten Sole/Wasser-Wärmepumpen verfügen jeweils über eine Leistung von 12,6 kW und wurde zusammen mit vier Pufferspeichern von Viessmann à 1.000 Liter Fassungsvermögen installiert.

Theoretisch kann mittels der Wärmepumpen dem Wasser solange die Wärmeenergie entzogen werden bis der Eisspeicher komplett vereist ist. Allerdings nutzt der Eisspeicher zur Regeneration wiederum Erdwärme und wirkt so dem Vereisungsprozess entgegen. Sobald die Speicherwassertemperatur unter das Temperaturniveau des umgebenden Erdreichs sinkt, nimmt der Eisspeicher die umgebende Erdwärme auf. Das bedeutet, dass immer noch Wärme aus dem Erdreich nach fließt, um als Wärmequelle zu dienen. Da der Eisspeicher zur Regeneration nur Temperaturen zwischen 0 und 20 Grad Celsius benötigt, wird auch in den Wintermonaten Wärme in den Eisspeicher eingeleitet.

> Produktinfos Sole/Wasser-Wärmepumpen Vitocal 300-G
> Produktinfos Heizwasser-Pufferspeicher
> Produktinfos Eisspeicher-System
 




Lüftung

In den Wohnungen wurden außerdem dezentrale Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung installiert. Die Ab- und Zuluft erfolgt nach dem Überstromprinzip. Die Leitungen sind in den abgehängten Decken der Flure verlegt, so dass nur kurze Leitungsnetze nötig sind. Der aus der Abluft gewonnene Wärmerückgewinnungsgrad liegt bei 90 Prozent. Die Wärme wird dem Eisspeicher ebenfalls zur Regeneration zugeführt.

Stromversorgung

Der für den Betrieb der haustechnischen Komponenten wie z.B. der Wärmepumpen notwendige Strom wird über regenerative Energien aus Sonnen- und Windkraft selbst erzeugt.

Auf dem Dach des Wohnhochhauses waren zunächst drei kleine herkömmliche Windräder geplant, nach Tests entschieden sich die Fachplaner aber für eine Vertikal-Klein-Windkraft-Anlage. Der Vorteil eines sogenannten Vertikalläufers ist, dass sich die um die eigene Achse bewegenden Rotoren drehen, egal aus welcher Richtung der Wind weht. Und das zudem völlig geräuschlos, was hinsichtlich der Auflagen des Bauamts bezüglich der Schallschutzverordnungen entscheidend war. Mit der Anlage lässt sich eine Leistung von rund 5 kW erzeugen.

Neben der Windkraft wird auch die Sonne zur Stromerzeugung genutzt. Auf dem Dach des Wohnhochhauses wurde eine Photovoltaikanlage installiert. Die 40 polykristallinen Photovoltaik-Module erreichen eine Gesamtleistung von 13,5 kWp.

Autorin: Katharina Ricklefs