Viessmann Akademie in Allendorf



Daten und Fakten

Standort: Viessmannstraße 1, 35108 Allendorf/Eder
Bauherr: Viessmann Werke GmbH & Co.KG
Architekt: RSE Planungsgesellschaft mbH, Kassel
Bauzeit: Juni 2006 – September 2007
Bauvolumen: 38.800 cbm
BGF: 7.700 qm
Nutzfläche: 4.400 qm
Baukosten: ca. 20 Mio. Euro
 

Architekten

RSE Planungsgesellschaft mbH
Heinrich-Hertz-Straße 1
34123 Kassel
Tel. 0561-589080
Fax 0561-5890888
architekten@rse-ref.de
http://www.rse-ref.de/

Büroschwerpunkte
Industriebau

Bürophilosophie
„Wir wollen morgen besser sein als heute.“

Fachplaner

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Nolte GmbH
Herr Nolte
Auf der Heide 1
35066 Frankenberg
Tel. 06451-72350
Fax 06451-723520
G.Nolte@Statik-Nolte.de
www.Statik-Nolte.de

Heizungs-/Lüftungs-/Sanitärplanung
Planungsgruppe Energietechnik Schnepf
Herr Schnepf, Herr Schädel
Lise-Meitner-Straße 11
72202 Nagold
Tel. 07452-680980
Fax 07452-6809898
info@ib-schnepf.de
www.ib-schnepf.de

Bauphysik
Kurz und Fischer GmbH
Herr Zander
Brückenstraße 9
71634 Winnenden
Tel. 07195-91470
Fax 07195-914710
joachim.zander@kurz-fischer.de
www.kurz-fischer.de

Elektroplanung
Schnell Ingenieure GmbH
Herr Schoner, Herr Köblitz
Stuttgarter Straße 150
78532 Tuttlingen
Tel. 07461-92840
Fax 07461-79640
info@ib-schnell.de
www.ib-schnell.de

Brandschutz
HHP - West
Beratende Ingenieure GmbH
Herr Zies
Herforder Straße 20
33602 Bielefeld
Tel. 0521-986440
Fax 0521-9864420
h.zies@hhp-west.de
www.hhp-west.de

Boden-Gutachten
IFG - Dr. Jochen Zirfas
Egerländer Straße 46
65556 Limburg - Staffel
Tel. 06431-29490
Fax 06431-294944
ifg@ifg.de
www.ifg.de

Außenanlagenplanung
Büro für Umweltplanung
Herr Engelbach
Hauptstraße 27
35088 Battenberg
Tel. 06452-3044
Fax 06452-3036



Entwurfsaufgabe

Um den beständig steigenden Anforderungen an die Qualifikation und Kompetenz der hauseigenen und externen Fachleute auch weiterhin gerecht werden zu können, ließ die Unternehmensgruppe Viessmann in Allendorf/Eder nach den Entwürfen der RSE Planungsgesellschaft mbH aus Kassel ein Akademiegebäude für Schulungs- und Weiterbildungszwecke errichten. Das neue Seminarhaus komplettiert das architektonische Ensemble und bildet neben dem Verwaltungsbau und dem Informationszentrum die dritte Raumkante des großzügig bemessenen Vorplatzes.

Die Akademie übernimmt seitdem auch Repräsentationsfunktionen für das Unternehmen: Gäste und Seminarteilnehmer beginnen und beenden ihren Besuch in dem auf Transparenz und Zurückhaltung angelegten Akademie-Foyer. Wie bei den bereits bestehenden Gebäuden der Firmenzentrale, führten die Planer ihre wesentlichen Gestaltungsgrundsätze – eine einfache, klar strukturierte Formgebung sowie material- und konstruktionsgerechte Detaillösungen – bei dem Neubau fort. Die reduzierte Formensprache läßt mehr Raum für Produktpräsentation und Besucherinformation, für Veranstaltungen und nicht zuletzt für die Besucher selbst.

Im untersten Geschoss schließt die Akademie an die Energiezentrale an, die das gesamte Werk versorgt und exemplarisch die energietechnischen Innovationen des Unternehmens aufzeigt. Sie dient darüber hinaus auch Präsentations- und Schulungszwecken, da hier die verschiedensten Heizsysteme für alle Energieträger in unterschiedlichen Leistungsgrößen vorgeführt werden können. Die dazugehörige Abgasanlage aus sieben markanten, weithin sichtbaren Edelstahl-Schornsteinen ist inzwischen zum Wahrzeichen der Viessmann Werke geworden.

Eine allseits geschlossene Brücke aus Stahl und Glas verbindet über den Innenhof hinweg als östliche Achse die Energiezentrale mit der Fertigung. Der Steg bildet das Pendant zur westlich des Hofes gelegenen „Via Temporis“, einem aufgeständerten, überirdischen Verbindungstunnel, der das Viessmann Museum beherbergt und das an die Akademie anschließende Informationszentrum „Galeria“ mit den Produktionsstätten koppelt. Auf diese Weise entsteht für die Gäste und Seminarteilnehmer ein geschlossener Rundweg durch die gesamte Anlage.



Projektbeschreibung

Das Akademiegebäude erstreckt sich insgesamt über vier Stockwerke. Nordseitig in den Hang gebaut, sind die beiden unteren Etagen lediglich von Süden sichtbar. Der quer zu den beiden Untergeschossen aufgesetzte Seminarriegel kragt auf der Südseite einige Meter aus. Auf der Erdgeschossebene befinden sich neben dem weitläufigen Foyer mit Empfangstheke und Info-Point ein Restaurant mit Küche, die Sanitäranlagen sowie ein offener Ausstellungsbereich. Die gläsernen Trennwände, die den Ess- vom Eingangsbereich abschotten, ermöglichen durch ihr dezentes weißes Streifendesign ein ungestörtes Essvergnügen. Unterschiedlich positioniert, lassen sich mit ihnen kleine, mittlere oder große Restaurantflächen schaffen. Im komplett eingefahrenen Zustand erhält man einen einzigen, großen Empfangs- und Ausstellungsraum im Erdgeschoss. Auf der Ostseite des Gebäudes ist dem Restaurant, das bis zu 260 Gästen Platz bietet, eine Terrasse aus Lärchenholz vorgelagert. Direkt neben dem Haupteingang liegt der Sportshop, der die zahlreichen Aktivitäten Viessmanns im Sportsponsoring dokumentiert und von funktioneller Sportkleidung bis hin zum hochwertigen Porzellan eine Fülle an attraktiven Angeboten zum Kauf anbietet.

Über eine frei im Raum stehende, geradläufige Stahlbeton-Treppe mit Granitbelag und Stahlgeländer sowie einen Aufzug in Stahl-Glaskonstruktion erreicht man das Obergeschoss. Hier gruppieren sich insgesamt dreizehn Seminar- und Schulungsräume um ein großzügig angelegtes Foyer mit Kaffeebar. Die Räume sind mit modernster Medientechnik ausgestattet und lassen sich ebenfalls durch ein variables Trennwandsystem bedarfsgerecht an die benötigte Raumgröße anpassen. Der östliche Seminarbereich kann komplett geöffnet und dem Empfangsbereich zugeschlagen werden. In sieben Übungsräumen steht die gesamte Palette des Viessmann Komplettprogramms für Produktschulungen bereit. Neben den Brennwert-Wärmeerzeugern für Öl und Gas nehmen die regenerativen Energiesysteme für Sonne, Biomasse und Naturwärme dabei einen besonders großen Raum ein. Über eine Schleuse erreicht man das im Westen angrenzende Informationszentrum „Galeria“, das dem Besucher Einblick in den Markenkern des Unternehmens gewährt.

Ein an der Westfassade gelegenes Treppenhaus erschließt die beiden Untergeschosse der Akademie, die eine Teilfläche des Seminarhauses unterbauen. Hier befinden sich im ersten Untergeschoss neben einigen Technikräumen die Büros der Akademie sowie zwei weitere Seminarräume. Sämtliche Räume werden über einen im Norden gelegenen breiten Flur erschlossen. Verfolgt man diesen Weg in Richtung Osten, gelangt man zur Galerie der Energiezentrale. Dort gibt eine Glaswand den Blick frei auf die sich über zwei Ebenen erstreckende Haustechnikzone. Zudem bahnen sich hier die sieben großen Edelstahl-Schornsteine ihren Weg ins Freie. Im zweiten Untergeschoss der Akademie sind vier weitere Schulungs- sowie ein Seminar- und ein Technikraum, Sanitärräume und Umkleiden untergebracht. Hier liegt auch der Mitarbeitereingang, der das Gebäude vom Innenhof her ebenerdig erschließt.

Freistehende, lasierte Ortbetonrundstützen in variierenden Achsabständen ermöglichen in allen Geschossen eine variable Grundrissnutzung. Die nichttragenden Innenwände sind vielfach als Systemtrennwände ausgebildet, bestehend aus einer Aluminium-Rahmenkonstruktion in einer Gesamtstärke von 100 Millimetern, mit sechs, beziehungsweise acht Millimetern Kristallspiegelverglasungen. Dies ist beim Vitoshop im Erd-, auf der Nord- und Südseite des Obergeschosses, in den beiden unteren Etagen hin zum Erschließungsflur sowie auf der Galerieebene der Heizzentrale der Fall. Alle übrigen nichttragenden Innenwände sind in Gipskarton mit Farbanstrich hergestellt. In den Sanitärbereichen wurden Fliesen im Dünnbett verlegt. Die Fußböden ließen die Architekten entsprechend der jeweiligen Nutzung mit schwimmendem Estrich oder – wie beispielsweise in der Energiezentrale mit dazugehöriger Galerie oder in den Schulungsräumen des zweiten Untergeschosses – mit einer Epoxydharzbeschichtung ausführen. In den restlichen Räumen sind je nach Anforderung Linoleum- oder Teppichbelag beziehungsweise großformatige dunkelgraue Platten verlegt. Eine Ausnahme bildet die „Via Temporis“, die einen Holzparkettboden aus Räuchereiche erhielt.

Die Decken der Seminarräume in den unteren Ebenen sind mit Gipskarton-Akustikplatten verkleidet. Sämtliche Nebenräume verfügen über geschlossene Gipskartondecken. In den Schulungsbereichen des zweiten Unter-, im Erd- und Obergeschoss ist stattdessen ein offenes Installationsraster als Deckensystem eingebaut. Dieses besteht aus Aluminiumkassetten mit eingelegtem Akustikvlies. In allen übrigen Räumen ließen die Planer von RSE die Betonplattendecke sichtbar, um sie als thermisch aktive Speichermasse nutzen zu können. Zusätzliche schallabsorbierende Maßnahmen in Form von Akustikaufdoppelungen mit senkrechter Schlitzung 13/3 in Rotbuchenfurnier finden sich bei den Foyermöbeln, den freien Deckenrändern des Treppenausschnitts sowie bei den mobilen Trennwänden des oberen Stockwerks. Garderobenschränke und Teeküchen besitzen eine glatte Oberfläche aus Faserplatten.
 



Baukonstruktion

Gebäudehülle

Die Nordfassade der beiden oberen Geschosse sowie die komplette Südfassade einschließlich der Kragarmunterseite des Gebäudes bestehen aus einer 25 bis 35 Zentimeter dicken Stahlbetontragschale mit davor gehängten Stahlbeton-Fertigteilplatten in 12 Zentimetern Stärke. Dazwischen befinden sich ebenfalls 12 Zentimeter Kerndämmung aus Mineralfaserplatten der Wärmeleitfähigkeitsgruppe 035. Der U-Wert dieses Außenwandaufbaus beträgt 0,55 W/qmK. Auf der West- und Ostseite bildet eine zweifach isolierverglaste Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Aluminium den äußeren Abschluss der Akademie. Das Maß für den Wärmedurchgang durch die Glasfassade liegt bei 1,5 W/qmK. Die Aluminiumlamellen des Sonnenschutzes sind im Obergeschoss an den Geländern der in verzinkter Stahlkonstruktion ausgeführten Flucht- und Reinigungsbalkone angebracht. Auf der Erdgeschossebene liegen die Beschattungselemente unmittelbar vor der Glasfassade.

Das Flachdach der Akademie besitzt eine Decklage aus Kies der Körnung 16/32. Unter Schutzfolie, Abdichtung und Trennlage liegt die im Mittel etwa 16 Zentimeter starke Wärmedämmung aus Polystyrol-Hartschaumplatten mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,035 W/mK. Dampfsperre und Bitumenvoranstrich schließen den Warmdachaufbau, der insgesamt einen U-Wert von 0,23 W/qmK aufweist, zur tragenden Stahlbetondecke hin ab. Auf den Dachflächen des Untergeschosses wurde in dem Bereich, wo Schulungen an solarthermischen Kollektoren stattfinden, ein Plattenbelag verlegt. Den Rest des Daches planten die Architekten als Gründach. Über der Stahlbetondecke kamen dabei ein Kaltbitumenvoranstrich, eine Dampfsperre und Notabdichtung aus einer Bitumensonderschweißbahn sowie eine im Mittel etwa 12 Zentimeter dicke Gefälledämmung aus Polystyrol-Hartschaumplatten, WLG 035, zur Ausführung. Darüber befinden sich eine Abdichtungsunterlage aus einer selbstklebenden Elastomerbitumenbahn sowie eine Oberlage aus einer Elastomerbitumenschweißbahn. Den oberen Abschluss bildet eine etwa 30 Zentimeter starke Substratschicht für die intensive Dachbegrünung, die mit Rasen, Solitärgräsern, Kräutern, Kirschlorbeerhecken und Birnengehölzen bepflanzt ist. Der U-Wert des Gründachs liegt unter 0,30 W/qmK.

Im Bereich der Fußböden findet sich folgender Schichtaufbau: Auf der mit einer Trennlage abgedeckten Stahlbetonplatte wurden 40 bis 45 Millimeter EPS-Hartschaumplatten, WLG 040, verlegt. Darüber befinden sich 20 Millimeter Trittschalldämmung aus Mineralfaserplatten, die ihrerseits mit einer Folie vom 65 Millimeter starken Zementestrich getrennt sind. Dieser nimmt entweder Feinsteinzeugfliesen in den Abmessungen 625/625 Millimeter beziehungsweise Linoleum- oder Teppichbelag auf. Der U-Wert dieses Bodenaufbaus liegt bei 0,26 W/qmK. Das Viadukt zwischen Energiezentrale und Fertigung besitzt ein Dach aus Trapezblechtafeln sowie eine Pfosten-Riegel-Fassade. Die Außenhaut der elliptischen Museumsbrücke besteht aus verdeckt befestigten, in zwei Achsen gekrümmten, glatten Aluminiumblechtafeln. Dahinter befindet sich eine etwa 16 Zentimeter starke Dämmschicht der Wärmeleitfähigkeitsgruppe 040. Den raumseitigen Abschluss der „Via Temporis“ bilden horizontal angeordnete Aluminiumwellblechtafeln.

Tragwerk

Das Akademiegebäude gründet aufgrund des schluffigen Bodens auf Großbohrpfählen. Auf der Nordseite der ins Gelände gebauten Untergeschosse befindet sich eine rückverankerte Bohrpfahlwand mit Spritzbeton-Ausfachung, die den Erddruck abfängt und die Tragkonstruktion der beiden unteren Etagen entlastet. Der zwischen der Gründungs- und der eigentlichen Gebäudeaußenwand liegende notwendige Arbeitsraum ist begehbar und wird zusätzlich für die Installationen der Heizzentrale genutzt.

Die gesamte Tragstruktur ist in Stahlbeton mit vor Ort geschalten, massiven Flachdecken und frei stehenden Ortbetonrundstützen von 40 bis 45 Zentimetern Durchmesser in F90-Qualität hergestellt. Die Aussteifung erfolgt über die punktförmig gestützten 20 bis 28 Zentimeter dicken Deckenplatten sowie über ebenfalls in Stahlbeton errichtete Querwände und Schächte mit einer Wandstärke von 25 bis 30 Zentimeter. Im Bereich der Heizzentrale sind vorgefertigte Filigranplatten und Fertigteil-Unterzüge angeordnet. Das tragende Skelett aus frei stehenden Ortbetonrundstützen ist in den drei unteren Etagen in einem Raster von 6,25 bis 8,75/6,25 Meter angeordnet. Das Obergeschoss übernimmt in Teilbereichen die Einteilung des Erdgeschosses, die variabel nutzbare Fläche im Bereich des östlichen Seminarraums wird jedoch mithilfe von Überzügen in einem Stützenabstand von 6,25/18,75 Meter großzügig überbrückt.

Die Ausbildung der Gebäudeauskragung auf der Südseite ließ sich durch eine Hochhängung der Geschossdecken sowie der Außenwand in Überzüge über dem obersten Stockwerk realisieren. Der neue Verbindungssteg zwischen Energiezentrale und Fertigung besteht aus Stahlfachwerkträgern mit Horizontalverbänden in Dach- und Deckenebene. Seine Stützen sind in Form von Portalrahmen ausgebildet und gründen auf Einzelfundamenten. Zur sicheren Lastabtragung musste hier ebenso wie bei der im Querschnitt elliptischen „Via Temporis“ ein umfangreicher Bodenaustausch erfolgen. Die Museumsbrücke besitzt ihrerseits ein Stahltragwerk aus verzinkten I-Profilen und steht auf schräg gestellten Rundrohrstützen mit Aussteifungsverbänden.
 


Interview

mit dem Architekten Thomas Frauenkron


Der Bauherr wünschte für die Akademie eine veränderbare, flexible Gebäudestruktur. Wie haben Sie diese Vorgabe in Ihren Planungen umgesetzt?

Wir haben so viele Wände wie statisch nötig und so wenige Wände wie funktional möglich realisiert. Außerdem sind viele Raumabschlüsse als mobile Trennwandkonstruktionen ausgeführt, was eine sehr variable Nutzung des Gebäudes gestattet.

Welche Faktoren waren ausschlaggebend für die Materialwahl sowohl im Innen- als auch im Außenbereich der Viessmann Akademie?
Entsprechend dem Corporate Design-Programm des Unternehmens Viessmann wollten wir die Auswahl auf wenige, immer wiederkehrende Materialien wie Beton, Stahl und Glas reduzieren. Zusätzlich haben wir im Außenbereich noch Holz, im Innenraum hochwertigen Stein, beziehungsweise Fliesen eingesetzt. Die sachliche, materialkonforme Farbgebung stellt für die Besucher die graphischen Informationen sowie die Ausstellung an sich in den Vordergrund des räumlichen Geschehens.

Besucher und Seminarteilnehmer sollten sämtliche Bereiche des Unternehmens in einem einzigen Rundgang „erleben“ können. Welche planerischen Besonderheiten haben sich daraus für Sie ergeben und wie haben Sie baulich darauf reagiert?
Die Akademie ist mit direkter Anbindung an den Besucherparkplatz am zentralen Platz neben dem Informationszentrum und dem Hauptverwaltungsgebäude angeordnet. Wie bei einem Rundgang notwendig, befinden sich Start und Ziel an einem einzigen Ort. Neben dem bereits vorhandenen Verbindungsweg „Via Temporis“ führt eine zweite Brücke zwischen Fertigung und Heizzentrale nicht nur die Energieleitungen, sondern auch die Besucher zurück in das Zentrum, ohne eine Wegstrecke zweimal durchlaufen zu müssen.

Welche Entwurfsidee steckt hinter der futuristisch anmutenden Gestaltung des Museums „Via Temporis“, das das Infozentrum mit der Fertigung verbindet?
Die Intention bestand darin, für den Besucher eine Brücke zu schlagen zwischen der „Theorie“ des Informationszentrums und der „Praxis“ der Produktion. Unter dem Motto „der Weg ist das Ziel“ wollten wir ihn trockenen Fußes eine Zeitreise in die Historie des Unternehmens erleben lassen. Während sich das Museum im Inneren des Tunnels mit der Vergangenheit beschäftigt, symbolisiert die Konstruktion des Verbindungsweges die Zukunftsgewandtheit von Viessmann.


Presseschau

Web:

- www.viessmann.de
- www.ebn24.com

Technischer Ausbau

Konzept

Beim Neubau der Viessmann Akademie, des Informationszentrums und der Heizzentrale verfolgten Architekten und Bauherr ein zukunftsweisendes Energiekonzept, in das sie auch die bereits bestehenden Anlagen und Gebäudeteile mit einbezogen. Durch die komplette Neuorganisation der Produktion, die Verbesserung der Anlagenhydraulik, die Nutzung der Abwärme aus der Fertigung, die energetische Optimierung der Außenhüllen der Werkshallen sowie die Einbindung in die zentrale Heizungs- und Klimaversorgungsstruktur ließ sich der Energieverbrauch der Bestandsgebäude entscheidend verringern. Der Neubau weist einen Primärenergiebedarf von 45,28 kWh/qma sowie einen Heizwärmebedarf von 36,22 kWh/qma auf.

Auch auf der Erzeugerseite konnte mit der Errichtung der auf modernster Technologie basierenden Energiezentrale die Effizienz des Werkes gesteigert werden. Sie liefert eine Gesamt-Nennwärmeleistung von 18.024 kW sowie eine elektrische Leistung von 589 kW. Ein weiteres wichtiges Ziel bestand in der Substitution von Öl und Gas durch erneuerbare Energien, wobei Viessmann hier vor allem auf Biomasse als CO2-neutralem und im Gegensatz zu Wind und Sonne stetig verfüg- und speicherbarem Energieträger setzt. Die Realisierung dieses Gesamtkonzepts führte zu einer Einsparung von 36 Prozent an fossiler Endenergie sowie zu einer Minderung der CO2-Emissionen um 29 Prozent.

Das Unternehmen Viessmann wird in Zukunft die Hälfte seines Bedarfs von etwa 7.000 Tonnen Biomasse durch den Anbau von Pappeln auf einer 200 Hektar großen Kurzumtriebsplantage im oberen Edertal decken. Die schnell wachsenden Hölzer werden nach drei Jahren geerntet, zu Hackschnitzeln zerkleinert und verfeuert. Pro Hektar und Jahr ist dabei ein Ertrag von bis zu 5.000 Litern Öläquivalent zu erwarten. Im Innenhof der Werksanlage präsentiert Viessmann dem Besucher auf sechs verschiedenen Feldern exemplarisch die einzelnen Produktions- und Verarbeitungsschritte dieser Biomassenutzung. Die zu verfeuernden Hackschnitzel werden im zweiten Untergeschoss in zwei verschiedenen Lagerräumen deponiert. Silo I enthält die „edlen“ Schnitzel, er besitzt einen Nutzinhalt von 160 Kubikmetern, der bei Kesselvolllastbetrieb für 8,8 Tage ausreicht. In Silo II lagern die nassen oder „unedlen“ Holzreste sowie Rindenstücke. Sein Fassungsvermögen liegt bei 230 Kubikmetern und hält 4,2 Tage vor.

Heizung und Strom

Heizöl und Erdgas
Die Energiezentrale, die neben der Akademie und dem Informationszentrum auch die Fertigung und Verwaltung versorgt, ist das Herzstück des gesamten Werkskomplexes. Hier sind insgesamt neun verschiedene Wärmeerzeuger in Kaskadierung installiert, die die komplette Bandbreite an verfügbaren Energieträgern nutzen können. Eine Kombination aus vier verschiedenen Niedertemperatur- beziehungsweise Brennwertkesseln der Mittel- und Großklasse nutzen die fossilen Brennstoffe Öl und Gas. Zum einen handelt es sich dabei um den Vitocrossal 300, einen Gas-Brennwertkessel mit modulierendem Matrix-Gasbrenner und einer Nennwärmeleistung von 895 kW, der einen Wirkungsgrad von 98 Prozent besitzt. Daneben findet sich der Niedertemperatur-Öl-/Gas-Heizkessel Vitoplex 300, ein Dreizugkessel mit mehrschaligen Konvektionsheizflächen und einer Nennwärmeleistung von 1.750 kW. Da sein Normnutzungsgrad in der Regel nur etwa 90 Prozent beträgt, wurde er mit dem Edelstahl-Abgas-/Wasser-Wärmetauscher Vitotrans 300 mit einer Leistungsstärke von 108 kW kombiniert. Durch die dadurch mögliche zusätzliche Nutzung der Kondensationswärme aus den Abgasen lässt sich der Wirkungsgrad des Kessels um bis zu sieben (bei Öl) beziehungsweise zwölf Prozent (bei Gas) steigern. Darüber hinaus baute Viessmann den Vitomax 300-LT Typ M343 ein, ebenfalls ein dreizügiger Niedertemperatur-Öl-/Gas-Heizkessel mit einer Nennwärmeleistung von 5.900 kW und einem Normnutzungsgrad von 96 Prozent. Als viertes und letztes Modell dieser Sparte wurde der Vitomax 200-LW Typ M241 installiert, ein dreizügiger Heißwassererzeuger mit einer Leistung von 6.600 kW und einem Wirkungsgrad von 95 Prozent. Auch bei diesem Kessel ist zum effektiveren Betrieb ein Abgaswärmetauscher vom Typ Vitotrans 300 mit einer Leistungsstärke von 260 kW nachgeschaltet.

Holzpellets und Biogas
Da Viessmann vermehrt auf den Einsatz von regenerativer Energie setzt, ist die Heizzentrale mit fünf Erzeugern ausgestattet, die Biomasse als Brennstoff nutzen. Der Pelletskessel KÖB Pyrot-KRT-220 besitzt eine Nennwärmeleistung von 220 kW und ist mit einem Feinstaubfilter ausgerüstet, der Hackschnitzelkessel KÖB Pyrot-KRT-300 mit Entstauber leistet 300 kW. Beide Typen erreichen einen Jahresnutzungsgrad von bis zu 90 Prozent. Drei Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung komplettieren die Reihe der mit erneuerbaren Energieträgern betriebenen Kessel. Es handelt sich dabei um das (Bio-)Gas-Blockheizkraftwerk Vitobloc, das über eine Nennwärmeleistung von 496 kW sowie eine elektrische Leistung von 344 kW verfügt. Dies entspricht einer Stromausbeute von 37 Prozent und einem Wärmeertrag von 53 Prozent. Auch der Hackschnitzelkessel Mawera FUS 240 RIA-B kann in Kombination mit einem Stirlingmotor – dies ist ein auf einem geschlossenen Kreislauf basierender Heißgasmotor, bei dem das Arbeitsgas in einem periodischen Ablauf in einem kalten Volumen komprimiert und in einem heißen Volumen expandiert wird – sowohl thermische als auch elektrische Energie erzeugen. Er liefert eine Wärmeleistung von 240 kW sowie eine elektrische Leistung von 35 kW, das bedeutet zwölf Prozent Strom und 80 Prozent Wärme. Ein weiterer, mit Hackschnitzeln befeuerter Kessel arbeitet in Kombination mit einer Turbine im so genannten ORC-, also Organic Rankine Cycle-System. Die Anlage vom Typ Mawera FSR 1400 erreicht eine Nennwärmeleistung von 1.105 kW sowie eine elektrische Leistung von 191 kW, was einer Stromausbeute von dreizehn Prozent und einem Wärmeertrag von 70 Prozent entspricht.

Solarkollektoren und Photovoltaik
Das System wird ergänzt durch eine auf dem Dach der Energiezentrale installierte thermische Solaranlage zur Heizungsunterstützung. Sie ist in zweimal zwölf in Reihe geschaltete Vitosol 200-F Flachkollektormodule unterteilt, die eine Absorberfläche von insgesamt etwa 55 Quadratmetern aufweisen. Gleich daneben befindet sich die zehnzügige Abgasanlage, bestehend aus sieben Edelstahl-Schornsteinen mit einer Höhe von je 33,5 und einem Durchmesser von je 1,12 Metern. Die Dachfläche des Akademiegebäudes ist mit insgesamt fünfzehn Feldern aus jeweils drei in Reihe geschalteten Röhrenkollektoren Vitosol 300-T bestückt. Sie verfügen über eine Gesamtfläche von 138 Quadratmetern, liefern einen jährlichen Solarertrag von 103 Megawattstunden und werden sowohl zur Unterstützung der Heizung als auch zur Gebäudekühlung eingesetzt. Ferner findet sich auf dem Dach der Fahrradstellplätze eine Photovoltaikanlage. Diese gliedert sich in drei Felder à 24 Module Vitovolt 300 RD3 und besitzt eine Gesamtleistung von etwa 19 Kilowatt, die in das Niederspannungsnetz des Unternehmens eingespeist werden. Komplettiert wird das Energiekonzept durch in den Schulungsräumen des Obergeschosses aufgestellte Wärmepumpen. Zur Energiespeicherung stehen zwei 20 Kubikmeter fassende Pufferspeicher zur Verfügung, die Übergabe der Wärme erfolgt im Wesentlichen über direkt hinter den Glasfassaden eingebaute Bodenkonvektoren sowie über in die Flachdecken einbetonierte Heizleitungen, die sich im Sommer auch zur Gebäudekühlung verwenden lassen.

Kühlung und Lüftung

Zur Klimatisierung der Seminarräume verfügt das Akademiegebäude über eine Absorptionskältemaschine mit einer Kälteleistung von 49 Kilowatt, einer Heizleistung von 83 Kilowatt und einer Kühlwasserleistung von 132 Kilowatt. Die mit ihr gekoppelte Solaranlage auf dem Dach des Akademiegebäudes ist dabei so ausgelegt, dass ihre Leistung exakt dem Wärmebedarf der Kältemaschine entspricht. Diese auch als thermischer Verdichter bezeichnete Anlage ermöglicht es, mit dem Einsatz von Wärmeenergie Kälte zu erzeugen. Kennzeichnend für die Absorptionskältemaschine ist das Zweistoffsystem, in dem eine Flüssigkeit eine andere absorbiert und wieder von ihr getrennt wird. Der absorbierte Stoff hat die Funktion des Kältemittels, während der andere Stoff als Lösungsmittel bezeichnet wird. Kälte- und Lösungsmittel werden zusammen als Arbeitspaar bezeichnet. Durch den Einsatz der Absorptionskälte lassen sich vierzehn Megawattstunden im Jahr an elektrischer Energie zur Kühlung der Akademie einsparen.

Eine weitere Reduzierung des Energieeinsatzes ergibt sich aus dem Betrieb einer so genannten Sorptions-Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Diese besitzt eine Kälteleistung von 55 Kilowatt. Im Sommerfall ist sie in den Kreislauf zwischen den Kältemaschinen, der Solaranlage und den Hackschnitzelkesseln eingebunden und somit in der Lage, die heiße Außenluft abzukühlen und den Räumen angenehm temperierte Luft zuzuführen. Im Winter funktioniert sie in umgekehrter Richtung. Mithilfe der Energie aus den Vorführgeräten in den Praxisräumen sowie aus der Heizzentrale und den Kollektorfeldern erhöht sie die Temperatur der Außenluft und bläst warme Zuluft ins Gebäudeinnere.

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Elektronik und Medien

Die Stromversorgung gliedert sich gebäudetechnisch in drei Bereiche: in Süd- und Nordseite sowie in die Energiezentrale. In den einzelnen Etagen befinden sich Technikräume, in denen die Elektroverteilung, EDV-Netzwerkschränke sowie sonstige Schwachstromverteilungen untergebracht sind. Diese Räume bilden eigenständige Brandabschnitte. Zur Leitungsführung und Anbindung der jeweiligen Verteilungen wurden darüber hinaus ableitfähige Doppelböden eingebaut. Die Installationen sind zu 80 Prozent sichtbar mittels Aluminium-, verzinkten Stahl- und PVC-Rohren ausgeführt. Ein Großteil der Räume erhielt ferner ein offenes Installationsraster im Abstand von 1,25 x 1,25 Metern, das der Aufnahme der gesamten Technik für Heizung, Kühlung und Lüftung, sowie von Rohrtrassen, Kabelrinnen, Lüftungsauslässen und Beleuchtungskörpern dient und sich durch eine hohe Flexibilität und Multifunktionalität auszeichnet. Ohne großen Installationsaufwand lässt sich das System beispielsweise sehr zeitnah auf wechselnde Anforderungen in den Ausstellungsbereichen im Erdgeschoss anpassen. Hierzu sind oberhalb der Rasterdecken flächendeckend Steckdosen- und EDV-Anschlüsse sowie 3-Phasenstromschienen vorgesehen. Die Büroräume in den beiden Untergeschossen erhielten einen Hohlraumboden, um größtmögliche Variabilität innerhalb der Bürolandschaft zu gewährleisten.

Die Beleuchtungskörper sitzen im offenen Tragsystem unterseitig bündig mit Schattenfuge im Installationsraster. In den Foyers und Ausstellungsbereichen des Erd- und Obergeschosses wurde lediglich eine Grundbeleuchtung installiert. Zusätzliche Stromschienen zur Strahlerbeleuchtung für die Ausstellungsgeräte befinden sich innerhalb der Rasterdecke. Die Büros in den beiden unteren Stockwerken sowie die Übungsräume der obersten Etage verfügen über für Bildschirmarbeitsplätze geeignete Spiegelrasterleuchten mit einer Leistung von viermal 28 Watt. Generell sind alle Beleuchtungskörper mit Vorschaltgeräten ausgerüstet, die sowohl ein Dimmen der Beleuchtung als auch ein Schalten in Abhängigkeit von der Außenhelligkeit ermöglichen. Geänderte Raumanordnungen lassen sich ohne großen Aufwand durch eine Anpassung der Beleuchtungssoftware realisieren. Außerdem gewährleisten Präsenzmelder in den Seminar-, Übungs- und Büroräumen sowie in den Foyers der beiden oberen Etagen einen energiesparenden Betrieb.

Die Steuerung der Beleuchtungs-, MSR- und Sonnenschutztechnik erfolgt in der LON-BUS-Technologie. In die Tische eingebaute Touch-Panels übernehmen die Raumsteuerung für Beleuchtung, Lichtszenarien, Jalousien, Projektoren, Dokumentenkamera, Beschallung, Leinwände, Verdunkelung, Heizung und Lüftung. Auch die Stellung der Trennwände lässt sich mithilfe dieser Screens verändern. Ein entscheidender Punkt bei der medientechnischen Ausstattung des Akademiegebäudes war das Vorhandensein einer automatischen Signalerkennung. Beim einfachen Anschluss einer Bildquelle an jeden beliebigen Punkt wird diese automatisch auf die Projektoren gelenkt, diese schalten sich ein, die Leinwände und Jalousien fahren herab und das entsprechende Lichtszenario wird gesetzt. Ebenso automatisch werden die Tonquellen geroutet.

Die Foyers in den beiden oberen Stockwerken sowie der Restaurantbereich verfügen über eine Beschallungsanlage für Hintergrundmusik. Für Veranstaltungen stehen sowohl drahtlose als auch -gebundene Mikrofone zur Verfügung. Am Info-Point befindet sich ein 50 Zoll Bildschirm, über den sich sowohl die Raumfunktionen als auch das Besucherinformationssystem steuern lassen. Hier laufen zusätzlich die Informationen über den Zustand der Projektoren im gesamten Gebäude zusammen. In der Energiezentrale präsentiert ferner ein interaktiver 63 Zoll Plasmabildschirm dem Besucher die dort untergebrachte Technik.

Autor: Tanja Feil