Kleine Rittergasse in Frankfurt



Daten und Fakten

Standort: Kleine Rittergasse 11
60594 Frankfurt am Main
Bauherr: Rothenberger 4xS
Gutleutstraße 175, 60327 Frankfurt am Main

Architekt: FRANKENARCHITEKTEN GMBH, Frankfurt am Main

Fertigstellung: 7/2014
Grundstücksfläche: 149 m²
Gesamtnutzfläche: 393 m²
BGF: 600 m²

Energiedaten:
Primärenergiebedarf: 81,9 kWh/m2a nach EnEV 2009
Jahresheizwärmebedarf: 67,88 kWh/m2a EnEV 2009

Architekten

FRANKENARCHITEKTEN GMBH
Niddastraße 84
60329 Frankfurt am Main
Tel.: 069-297283 0
info@franken-architekten.de
www.franken-architekten.de

Projektteam
Bernhard Franken
Frank Brammer
Robin Heather
Kai Heyd
Natascha Baier
Felix Schneider
Isabel Strelow

Bürophilosophie:
SPACE, STORY, SENSE – SUSTAINABILITY

Wir erzählen Geschichten mit räumlichen Mitteln.

Für unsere Kunden schaffen wir damit nachhaltige Bedeutungsmehrwerte durch Spatial Narratives für Architektur, Interior Design und Urban Design Projekte.

Die Franken Architekten Group deckt folgende Geschäftsfelder ab:
Architecture, Brandspace, Interior Design, Urban Design, Engineering, Consulting und Development. Unser Portfolio umfasst: Entwicklung von Konzepten und Umsetzungen für Hotel und Gastronomie, Wohnungs- und Städtebau, Office, Retail, Messeauftritte, Ausstellungen, Museen und Erlebnisräume.

Wir bieten Markenberatung, Architektur- und Städtebauleistungsphasen 1-9 von der Entwurfs- bis zur Ausführungsphase, Generalplanung, Projektsteuerung und Developmentleistungen an.

Fachplaner

Objektüberwachung
exact.projektmanagement / exitecture architekten
Senckenberganlage 10-12
60325 Frankfurt am Main

Haustechnik
Köhler Haustechnik GmbH
Wartbergstraße 22
99947 Bad Langensalza

Bauphysik
TSB Ingenieurgesellschaft mbH
Annastraße 18
64285 Darmstadt

Statik & Brandschutz / Bauphysik
Tichelmann & Barillas Ingenieure
Annastrasse 18
64285 Darmstadt

Fassade / WDVS / Innenputz
Helmut Lindt GmbH
Hedderichstraße 45
60594 Frankfurt am Main

Entwurfsaufgabe

Frankfurt am Main ist heute eines der weltweit wichtigsten Finanzzentren und Mittelpunkt der Wirtschaftsregion Rhein- Main. Der Stadtteil Sachsenhausen wurde 1193 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Südlich des Mains gelegen vereint er Kneipenviertel, Museumsquartier und exklusive Wohngegend. Im ältesten Teil des Bezirks, Alt-Sachsenhausen, nur wenige Minuten vom Stadtzentrum und dem Bankenviertel entfernt, wird derzeit eine kulturelle Neuausrichtung vorangetrieben, die eine Mischung aus Wohnen und einem kreativen Angebot an Läden, Dienstleistung und Gastronomie vorhalten will. Schmale Gassen und kleine Plätze mit Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuser und Brunnen kennzeichnen das historische Viertel.

Durch die städtische Förderung für Altbausanierungen, die zeitgemäße Architektur in einem traditionsorientierten Stadtbild zu integrieren versucht, greifen inzwischen auch private Investoren die Sanierungs-Initiative auf. Franken Architekten wurden 2011 von einem privaten Bauherrn beauftragt, der Sachsenhausener Altstadt durch die Planung eines Wohn- und Atelierhauses am Standort Kleine Rittergasse 11 einen neuen Impuls zu geben.

Der Bestand setzte sich aus einer dreiteiligen, in konstruktiver Hinsicht aber sehr maroden Fachwerk-Häusergruppe zusammen. Die schlechte Bausubstanz führte schließlich dazu, dass das Denkmalamt einem Abriss und kompletten Neuaufbau zustimmte. Drei Jahre dauerte das ambitionierte Bauvorhaben, das die Bauaufsicht Frankfurt im Jahr 2012 schließlich zu einem ihrer „Leitprojekte im Bereich Wohnen" kürte. Denn die Planung – so begründeten die Denkmalschützer ihren Entschluss – greife in besonderem Maße das historische Erbe des Viertels auf und baue mit einzigartigen Elementen eine Brücke zwischen dem traditionellen Stadtbild und modernsten architektonischen Anforderungen.
 



Projektbeschreibung

Mit dem Neubau des Hauses Kleine Rittergasse 11 vermitteln Franken Architekten gekonnt zwischen Tradition und Innovation. Das Wohn- und Atelierhaus schafft auf fünf Etagen insgesamt fast 400 Quadratmeter Fläche für Fotoateliers, Büros und Wohnungen. Die dem Entwurf vorangegangene historische Recherche förderte zutage, dass die Lücke zwischen Vorder- und Hinterhaus einstmals geschlossen war. Der neue Baukörper nimmt diese Kubatur abstrahiert wieder auf und schließt die Lücke mit einem dritten Baukörper. So entstand ein dreigiebliges Gebäude ohne Dachüberstände, mit schmalem, gläsernen Mitteltrakt. Der Neubau fügt sich Wand an Wand in die Nachbarbebauung ein. An der nordwestlichen Trennwand zur Kleinen Rittergasse 9 entsteht im Rücken der verglasten Mittelzone ein rechteckiger Lichthof, über den die Badezimmer der Wohnungen und ein Atelierraum mit Licht versorgt werden. Die Erschließung des Gebäudes erfolgt über einen funktionalen Kern auf dem nordöstlichen Teil des Grundstückes mit Lift und umliegendem Treppenlauf.

Bei der Nutzung verschmelzen in der Kleinen Rittergasse 11 privater und öffentlicher Raum: Die Bewohner laden ein zu Küchen-Partys, Ausstellungen, Künstlergesprächen, Konzerten und Festen. Um das vielfältige Kulturprogramm umsetzen zu können, wurde im Untergeschoss des Neubaus neben Lager, Technik- und Sanitärräumen ein kleiner Ausstellungsraum mit Bar eingeplant sowie ein Raum in dem der hauseigene „Äppelwoi" gepresst wird. Über eine interne Treppe ins Erdgeschoss sind ein Eventbereich mit offener Küche und die beiden Fotoateliers zu erreichen. Räumliche Verbindung erhalten sie über einen abgestuften Ebenenversatz. In dieser schmalen „Haus-Taille", die den Übergang vom nördlichem zum südlichen Gebäudetrakt markiert, sind Sitzgelegenheiten eingelassen.

Im ersten Obergeschoss haben drei Fotografen und eine Galeristin ihre Büros um eine großzügige Gemeinschaftsfläche mit Badezimmer herum gruppiert. Zwei weitere Räume können angemietet werden. Im zweiten Obergeschoss finden zwei Wohnungen Platz, die sich bis unter das Dach ausdehnen. Die Wohnung Richtung Norden besteht aus einem großzügigen zusammenhängenden Koch-Essbereich, Bad und einem separaten Zimmer. Über eine Treppe gelangt man auf die Wohn- und Schlafgalerie. Die benachbarte zweite Wohnung vereint Kochen, Essen und Wohnen im Raumverbund, angrenzend liegt das Badezimmer, während die Schlafgalerie im Dachgiebel über eine Leiter zu erklimmen ist.

Architekten, Bauherren und künftige Nutzer haben mit dem Atelierhaus Aufbruchstimmung im Viertel geschaffen und Innovatives gewagt, dabei dennoch viel Gespür für die Tradition am Standort bewiesen. Neu in der deutschen Immobilienlandschaft war auf alle Fälle auch die Finanzierung des Kreativprojekts: Um den Frankfurter Bürgern eine Möglichkeit zu geben, sich direkt an der Transformation Alt-Sachsenhausens zu beteiligen, wurde ein Teil der Investition für das Gebäude über Crowdfunding finanziert. Denn die Kleine Rittergasse 11 in Frankfurt will ein Haus für alle Frankfurter sein, ein Haus zum Verweilen, ein Ort „südlich des Mainstreams" – wie die Internetseite des Atelierhauses mit Wortwitz verrät.
 




Baukonstruktion

Mit seiner Kubatur, den Fassadenmaterialien, der Dachform und der schuppenförmig angeordneten Schieferdeckung fügt sich das Gebäude harmonisch in den Kontext der Umgebung ein und zitiert das historische Erbe mit zeitgemäßen Mitteln. Die Holzsparrenkonstruktion des Daches weist keinen Dachüberstand auf. Von den in der Wandflucht verdeckt angeordneten Regenrinnen aus Titanzinkblech sind nur die Rinnenhalter ringsum als Linien ablesbar, welche die geradlinige, monolithische Gebäudeform betonen.

Die Geschossdecken, die Außenwände von Unter- und Erdgeschoss und die Fassadenwände des Lichthofs sind aus Stahlbeton ausgeführt. Die Trennwände zu den Nachbargebäuden wurden als F 90 Brandwände aus Kalksandsteinmauerwerk aufgebaut, wie auch die Außenwände des Obergeschosses und die Giebelwände. Gegen das Erdreich weisen die Wandflächen, wie auch die 40 Zentimeter dicke Bodenplatte eine Perimeterdämmung auf, ansonsten erhielten alle Außenwände ein Wärmedämmverbundsystem aus Mineralfaserplatten. Im Bereich des Erdgeschosses erhielten sie eine Natursteinverkleidung. Auch alle Fenstergesimse und -gewände bestehen aus Naturstein.

Bei der Fassadengestaltung der darüber liegenden Geschosse näherten sich die Architekten dem Thema Rekonstruktion auf sehr subtile, moderne und vor allem originelle Art: Sie bedienten sich einer Entwurfsstrategie, die das biologische Phänomen des optischen Nachbildens auf die Architektur überträgt. Was aus der Nähe wie strukturierter Putz aussieht, entpuppt sich beim Betrachten aus der Ferne als das schemenhafte Abbild der Fachwerkstruktur des Abrisshauses. Bernhard Franken, der an der FH Frankfurt im Fachbereich Digitales Entwerfen lehrt, fertigte mit seinem Team nach dem Aufmaß des konstruktiven Fachwerks eine digitale Zeichnung desselben an. Computerunterstützt wurden im Anschluss horizontale Kanneluren in die Fassadenplatten gefräst. Ein digitaler Algorithmus erzeugt einen parametrischen Zitterstrich immer an den Stellen, an denen einstmals Fachwerkbalken saßen. 144 Granulatplatten bekamen auf diese Weise ihr individuelles Gesicht und erzeugen nun nebeneinander an der Fassade die Wirkung eines Nachbilds des historisch unter Putz verborgenen unsichtbaren Fachwerkes. Nur durch den Schattenwurf wird es sichtbar und verändert sich je nach Lichtstand. Durch den verdichteten Schwarzwert erscheint das Fachwerk aus der Ferne als Andeutung, um sich bei Annäherung in abstrakte Striche aufzulösen.

Ein weiteres traditionelles Detail, das die mittelalterlichen Häuser in Alt-Sachsenhausen ziert, nahmen die Architekten in die Verkleidung der Fensterbrüstungen auf: Motive Alt-Sachsenhauses sowie Portraits der Bauherrnfamilie sind hier eingraviert, so wie sich auch schon früher die Erbauer der Häuser in den Fassaden verewigten.

Einbauten und Böden in massiver Eiche dominieren die Innenräume, dessen Gestaltungsthema augenzwinkernd um zeitgenössisch interpretierte, typisch Frankfurterische Kunsthandwerk-Motive kreist: So weisen Holzoberflächen mit Messing eingelassen das typische gerippte Rautenmuster von Apfelweingläsern auf, Mosaike schmückt ein „Bembel"-Motiv. Dunkelgrüne Fliesen, auberginefarbene Wände und Oberflächen sowie Arbeitsplatten aus unbehandeltem Messing schaffen eine warme Atmosphäre. Zudem wurden handelsübliche verchromte Armaturen aufwendig von ihrer Chromschicht befreit und auf das rohe Messing reduziert. Wie die Türklinken können sie nun stilecht patinieren.
 



Interview

mit dem Architekten Bernhard Franken


Die Entstehungsgeschichte des Neubaus Kleine Rittergasse 11 lässt eine große planerische Partizipation zwischen Bauherrn, Architekten und späteren Hausbewohnern vermuten. Wie gestaltete sich diese praktisch?
Die Partizipation wurde im Wesentlichen vom Bauherrn gesteuert. Mit ihm gab es zweiwöchentliche Jour Fixes. Auch traf der Bauherr sämtliche Absprachen mit den Mietern – mit unserer Unterstützung. In der Endphase hat sich unser Projektleiter dann auch direkt mit den Mietern und den Handwerkern abgestimmt.

Welches Detail ist beim Entwurf des Gebäudes bezogen auf den Spagat zwischen Tradition und Neugestaltung aus Ihrer Sicht am besten gelungen?
Mit dem Algorithmus des Zitterstrichs, konnten wir auf der Fassade ein Abbild des Bestandes wieder auferstehen lassen. Wir haben erreicht, dass Vergangenheit und Tradition auch bei modernen Gebäuden sichtbar bleiben können. Das Schöne daran ist, dass der ganze Effekt nur durch Licht und Schatten entsteht, nicht greifbar ist und die Fassade dabei immer anders aussieht. Die großen Züge der Vergangenheit kann man aus der Ferne vielleicht erkennen, aber wenn man versucht näher heranzutreten, wird die Vergangenheit, das Abbild, immer verschwommener und löst sich schließlich auf.

Aus welchem Grund wurde die Entscheidung für eine Mikro KWK-Anlage im Gebäude getroffen?
Die Anforderung der Integration von erneuerbarer Energie konnte nicht mit Photovoltaik oder Solarthermie umgesetzt werden, da die Erhaltungssatzung im historischen Altstadtgebiet dies nicht zugelassen hätte. Ein Pelletlager wäre vom Platzbedarf nicht möglich gewesen. So war die Mikro KWK-Anlage eine charmante und platzeffiziente Alternative.
 


Lüftung

Für ein behagliches Raumklima wurden im gesamten Haus Lüftungsanlagen für eine kontrollierte Wohnraumlüftung installiert. Sie sind für einen effizienten Luftaustausch mit über 90 Prozent Wärmerückgewinnung aus der Abluft ausgelegt. Für die Be- und Entlüftung der Gewerbeeinheit in den beiden unteren Geschossen wurde das Lüftungsgerät im Technikraum des Untergeschosses aufgestellt; die Büros und Wohneinheiten verfügen über jeweils eigene Geräte auf den einzelnen Etagen. Innerhalb des Hauses ist die Luftverteilung unsichtbar in den Decken integriert.

Da der Bauherr an der Außenfassade aus optischen Gründen keine Lüftungsauslässe wünschte, musste die gesamte Lüftung über Dach geführt werden. Kontinuierlich wird frische, gefilterte Luft zugluftfrei in die Räume transportiert, Feuchtigkeit und Gerüche werden wirkungsvoll abgeleitet. Wärmetauscher übertragen die Wärme der Abluft auf die Zuluft und tragen somit ihren Beitrag zur Heizenergiekosteneinsparung bei.

Heizung/Kühlung

Bei der Wahl eines geeigneten Energiesystems für Heizung, Warmwasserbereitung und Stromerzeugung fiel die Entscheidung auf die gasbetriebene Mikro-Kraft-Wärme-Kopplungsanlage Vitotwin 300-W von Viessmann, die durch die Kombination aus hocheffizientem Gas-Brennwertmodul und Stirling-Motor ein autarker Wärmeversorger ist. Steigt die Heizlast über die knapp sechs Kilowatt des Motors hinaus, wird diese Spitzenlast vom integrierten Gas-Brennwertmodul gedeckt.

Das Wirkungsprinzip bei den Mikro-Anlagen ist das gleiche wie bei großen Blockheizkraftwerken: Bei der Kraft-Wärme- Kopplung (KWK) wird gleichzeitig mechanische Energie – die in der Regel unmittelbar in elektrischen Strom umgewandelt wird – und nutzbare Wärme für Heizzwecke gewonnen.

Auch die Warmwasserbereitung kann darüber abgedeckt werden. Ein großer Vorteil der Kraft-Wärme-Kopplung ist der generell verringerte Brennstoffbedarf für die Strom- und Wärmebereitstellung, wodurch nicht nur die Kosten, auch die CO2- Emissionen stark reduziert werden. Der größte Brennstoffanteil wird dabei in Wärme umgewandelt; über 20 Prozent in Strom. Je nach Anlagengröße kann der gesamte Wärmebedarf eines Hauses mit einer Mikro-KWK-Anlage abgedeckt werden.

Vitotwin 300-W zeichnet sich durch einen besonders leisen Betrieb aus. Der Stirling-Motor ist hermetisch geschlossen und arbeitet somit wartungsfrei – Eigenschaften, welche die Anlage für eine wohnraumnahe Installation prädestinieren.

Da beim Betrieb kontinuierlich Wärme erzeugt wird, ist ein Heizwasser-Pufferspeicher erforderlich. Während dieser beim Vitotwin 350-F bereits integriert ist, wurde bei der Installation von Vitotwin 300-W ein separater Speicher mit 1.250 Litern Fassungsvermögen aufgestellt. Auf Grund der beengten Platzverhältnisse im Technikraum wurde er speziell für das Projekt in der Wunschhöhe gefertigt. Die Wärmeübertragung erfolgt im gesamten Gebäude über Fußbodenheizung.

> Produktinfos Mikro-KWK

Autor: Iris Darstein-Ebner