Haus Fledermaus in Bovenden-Eddigehausen



Daten und Fakten

Standort: Ritterstieg 3, 37120 Bovenden-Eddigehausen
Bauherr: Irmgart Kösters und Kai Korth
Architekt: K2 Architekten, Bovenden-Eddigehausen

Bauzeit: Fertigstellung 2010

Grundstücksfläche: 1.350 m²
Wohn- und Bürofläche:
220 m²
Nutzfläche: 25 m² Garage / 50 m² Terrassen
BRI:
1.032 m³

Architekten

K2 Architekten
Ritterstieg 3
37120 Bovenden-Eddigehausen
Tel. 05594-804864
Fax 05594-804865
info@k2architekten.de
www.k2architekten.de


Entwurfsaufgabe

Im Flecken Bovenden, an den Ausläufern des nordwestlichen Göttinger Waldes, befindet sich das Wohn- und Bürohaus von Irmgart Kösters und Kai Korth. Umgeben von sanften Hügeln und der Ruine Plesseburg am Solling-Harz-Querweg ist Flecken Bovenden auch heute noch ein beliebtes Naherholungsgebiet dessen Restvorkommen der Europäischen Eibe sogar als Naturdenkmal eingestuft wurde.

Unterhalb der Ruine Plesseburg an einem alten Rittersteig aus dem elften Jahrhundert befindet sich der Neubau. Dieser geschichtsträchtige Ort beeinflusste stark den Entwurf der Architekten, die gleichzeitig auch die Bauherren sind. Das Haus hebt sich nicht nur durch seine ungewöhnliche Dachform von der umgebenden Bebauung aus den 1960er und 70er Jahren ab. Vorbild für den Entwurf war eine vor Ort noch vorkommende Fledermausart. Die verglaste Südseite ist dem Gesicht eines schlafenden Tieres nachempfunden, dabei symbolisiert das Dach die gefalteten Flügel, unter denen die Wohnhalle geborgen ist.

Am Ende einer Stichstraße an einem Steilhang überwindet das Gebäude eine Höhendifferenz von 18 Metern. Das gesamte Gebäude wurde am Hang entlang geplant. Diese Dynamik lässt sich nicht nur außen sondern auch im Inneren ablesen. Stumpfe oder spitze Winkel sind an der Tagesordnung. Treppen, Rampen und eine Buchtreppe erschließen die einzelnen Bereiche. Eine strikte Trennung der Räume besteht dabei nur selten. Der Bürobereich im Erdgeschoss grenzt sich am stärksten zum Wohnbereich ab. Die fehlenden Zwischenwände unterstreichen die Offenheit des Entwurfs die sich auch in der 5,50 Meter hohen Wohnhalle widerspiegelt.



Projektbeschreibung

Durch die Faltung der Außenwände und die Einbaumöbel schufen die Architekten Rückzugsareale innerhalb des Wohnbereiches – so kommt das Haus nahezu ohne Türen aus: Nur der Eingangs- und Technikraum und die Toilette verfügen über eine Tür. Zwei im Raum schwebende Ebenen lassen die Wohnhalle fast wie eine begehbare Skulptur erscheinen: Sie beherbergen zum einen eine kleine Bibliothek und zum anderen den Schlafbereich der Bauherren. Eine sogenannte Buchtreppe, die zur Bibliotheksgalerie führt, kündigt bereits die gedachte Nutzung an. Vom Leseplatz aus kann der Blick ungehindert über die Dächer und den Ort schweifen. Zusätzlich schufen die Architekten hier einen Platz für Übernachtungsgäste.

Der Schlafbereich der Bauherren befindet sich auf der Galerie an der Ostseite des Dachgeschosses. Durch die großzügige Eckverglasung in Verlängerung des Treppenaufgangs können sich die Bewohner vom Bett aus am Grün der angrenzenden Apfelplantage weiden. Ungewöhnlich ist auch der Blick vom Schlafbereich ins Bad: Es scheint als hätten die Architekten eine Mauer vergessen, doch dieses Weglassen schafft den freien Blick auf eine Wiese mit seltenen Pflanzenarten und eine historische Holzhütte. Im Bad dient ein riesiger Felsbrocken als Duschtrennwand. Die verglaste Front zum Garten kann ganz geöffnet werden und es entsteht so das Gefühl vom Duschen im Freien.

Auf der Erdgeschossebene befinden sich neben dem Wohnen, auch Koch- und Essbereich. Analog zum Gelände zeichnen sich hier die Höhenlinien im Inneren ab: Der Fußboden des Essbereichs geht fließend in die Arbeitsfläche der Küche über. Eine Rampe aus Holz stellt eine weitere Verbindung zwischen Ess- und Kochbereich her. Kräuter können direkt vom Gründach der Garage, die in den Hang integriert ist, durch das Küchenfester geerntet  werden.


Baukonstruktion

Der Neubau besteht aus einem massiven Ziegelmauerwerk und Sichtbeton. Gedämmt wurde mit 36 Zentimeter Mineralwolle, um gute Dämmwerte zu erzielen. Die Tragkonstruktion ist als Stahlrahmen- beziehungsweise Holzkonstruktion ausgebildet. Der untere Teil des Gebäudes, in dem sich das Büro befindet, besteht aus Sichtbeton und viel Glas. So können Besucher schon beim Betreten des Grundstücks den Architekten bei der Arbeit zuschauen. Vorgelagert ist hier eine Südterrasse aus Lärchenholz. Das rote gefaltete Dach mit einer Deckung aus Glattkantbiberschwanz geht in die Seitenwände über und dient gleichzeitig als hinterlüftete Fassade. Den Architekten war es besonders wichtig, dass kein Regenfallrohr die Ästhetik des Daches stört. Daher befinden sich an der Nord- und Südseite Regenwasserbecken, die das abfließende Wasser einfangen. An starken Regentagen entstehen so imposante Wasserspiele: Sollten die Becken einmal überlaufen, dann sorgt der Kies im Schattengarten auf der Nordostseite des Gebäudes als Drainage. Obwohl der Neubau viele verglaste Flächen aufweist, wurde weitestgehend auf eine zusätzliche Verschattung mittels Rollläden oder dergleichen verzichtet. Gezielt eingesetzte Dachüberstände verhindern eine zu starke Sonneneinstrahlung und so herrscht das gesamte Jahr über ein angenehmes Raumklima.

Bei der Materialwahl achteten die Architekten darauf, die Transportwege möglichst gering zu halten. Die Dachdeckung, das verarbeitete Lärchenholz und selbst die unbehandelten Natursteine im Garten stammen aus einem Steinbruch ganz in der Nähe. Im Inneren wurde mit vielen individuellen Lösungen gearbeitet: Die maßgefertigten Einbauschränke beherbergen Gegenstände, die normalerweise in Abstellräumen untergebracht werden. Die Küche setzt sich aus unterschiedlichen Elementen zusammen: Die Schränke aus Edelstahl sind dem Stil einer Großküche entlehnt, die Arbeitsfläche in der Küche ist analog zur Rampe aus Lärche und wurde von einem Tischler gefertigt. Der Wasserhahn in der Küche, eine Wand in der Toilette sowie einige Leuchten sind in Orange gehalten, ein Fingerzeig der Bauherrin auf ihre Herkunft nahe der holländischen Grenze. Souvenirs aus fernen Ländern nehmen dem sehr reduzierten Wohnraum die Strenge und schaffen behagliche Authentizität.

Für den Bürobereich entwickelten die Architekten eine Trennwand aus Lärchenholz, um einzelne Arbeitsplätze voneinander abzugrenzen. Sie dient gleichzeitig als Akustikwand, um den Geräuschpegel möglichst gering zu halten und eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu gewährleisten.


Interview

mit Architekt Kai Korth von K2 Architekten


Worin bestand die Herausforderung, für sich selbst als Architekt zu bauen?
Wir haben den Bau unseres Hauses nicht als Herausforderung empfunden, sondern als große Freiheit. Wir durften uns dieses eine Mal ganz auf unser Gefühl und unsere Intuition verlassen. Vor den scheinbar spontanen Bauchentscheidungen haben wir uns jedoch lange mit dem Entwurf beschäftigt, ohne dabei darüber zu diskutieren oder zu zeichnen. Erstaunlicherweise klappte das problemlos, obwohl wir ja zwei Entwerfer sind.

Gab es bei Ihrem Entwurf einen speziellen Fokus? Drückt sich dies in besonderen Details aus?
Der Entwurf ist stark durch das extreme Grundstück mit 18 Metern Höhenunterschied geprägt. In das Grundstück haben wir uns bei der ersten Besichtigung bereits verliebt und die spezielle Topografie als Herausforderung angenommen. In vielen kleinen Arbeitsmodellen falteten wir die Gebäudehülle, bis die gefundene, einem Fledermausflügel ähnliche Hausform sowohl dem weiten Ausblick auf der Talseite gerecht wurde, als auch zum benachbarten Wald hin niedrig und zurückhaltend war. Die Fenster sind so gesetzt, dass jeder Ausblick ein anderes Bild ergibt.

Was hat Sie maßgeblich bei der Bauaufgabe gereizt?
Wir fragten uns beim Bau oft, worauf wir verzichten können. Wozu brauchen zwei Bewohner eigentlich Wände und  Türen, wozu eine Dachrinne oder eine Klingel? Der Verzicht auf übliche Standards ermöglichte uns viel größere Freiheit in der Gestaltung.

Verfolgten Sie von Anfang an ein ökologisches Konzept? Wodurch kommt es hauptsächlich zum Tragen?
Während der Planungs- und Bauphase gab es viele Entscheidungen, bei denen wir die einfachere Lösung als die richtige empfanden. Zum Beispiel wählten wir einfache, traditionelle Materialien wie Biberschwanz-Dachziegel, Sichtbeton und Lärchenholz. Bei der Haustechnik entschieden wir uns für die bewährte Kombination aus einem Gasbrennwertgerät mit Solaranlage für die Warmwasser- und Heizungsunterstützung und zusätzlich einen Kamin. Hohe Dämmstandards sind ja heute ohnehin selbstverständlich.

Was ist Ihrer Meinung nach besonders gelungen? Gibt es Dinge, die Sie anders machen würden?
Der Blick aus der Küche über das Dorf im Morgenlicht ist traumhaft. Trotz des offenen Grundrisses gibt es viele intime, kuschelige Ecken. Der weiße Fußboden lässt bei Schnee die Grenze zwischen innen und außen völlig verschwinden und im Winter wacht man wie auf einer Wolke auf. Letztendlich hätten wir uns für den Wohnbereich die Frage stellen sollen: Wozu braucht man eigentlich Leuchten?

Presseschau

Web:

www.aknds.de, Fledermaus, 26.06.2011

Print:

Thomas Drexel, Neue Top 100 Häuser. zeitlos – individuell – preiswert, DVA Verlag, Erscheinungstermin: 23.05.2011

Energiekonzept, Heizung und Warmwasser

Beim Energiekonzept entschieden sich die Architekten für eine Kombination aus Gas-Brennwert-Wandgerät und Solarkollektoren auf dem Dach. Die Kollektoren wurden so platziert, dass sie für Besucher nicht sichtbar sind. Der Bedarf an Gas ist auf drei bis vier Monate im Jahr begrenzt, im restlichen Jahr wird der Energiebedarf durch die Sonnenenergie  gedeckt. Durch den hohen Anteil der Fassadenöffnungen und 36 Zentimeter Dämmung sind Büro- und Wohnbereich an sonnigen Wintertagen mit ausreichend Wärme versorgt. Der Kamin in der Wohnhalle kann bei Bedarf mit regionalem Holz befeuert werden.

Da ein Keller in der felsigen Hanglage ein zu hoher Kostenfaktor gewesen wäre, wurde der Technikraum mit seinen  Ausmaßen auf ein Minimum reduziert und in die Erdgeschossebene integriert. Hier befinden sich der multivalente Viessmann Vitocell 340-M Heizwasser-Pufferspeicher mit integrierter Trinkwasseraufbereitung, sowie der Viessmann Vitodens 300-W Gas-Brennwertkessel.

Im gesamten Gebäude wurde auf Heizkörper zugunsten einer Fußbodenheizung verzichtet. Das Warmwasser wird über vier Viessmann Vitosol 200-F Flachkollektoren in Verbindung mit dem Heizwasser-Pufferspeicher bereitgestellt. Zusammen mit dem Gas-Brennwertkessel ergibt sich ein optimiertes System, das sich für sehr gut gedämmte Gebäude mit niedrigem Wärmebedarf bestens eignet. So liegt der Energiebedarf pro Jahr des Hauses nach der Energieeinsparverordnung bei 38 kWh/qm und entspricht damit einem KfW-Standard Effizienzhaus von 55.