Einfamilienhaus in Karlsruhe



Daten und Fakten

Standort: Strählerweg 117, 76227 Karlsruhe
Bauherr: Hinrich Reyelts und Claudia Wende-Reyelts
Architekt: Hinrich Reyelts, Karlsruhe

Planung: 2003
Ausführung: 2003 - 2007; 2011 (Verglasung)

Modernisierungskosten: 197.689 Euro

GRZ: 0,21
GFZ:
0,38
BGF:
ca. 500 m²
BRI:
ca. 1.632 m³
Grundstücksfläche:
1.316 m²
Überbaute Fläche:
282,5 m²
Wohnfläche:
367 m²

Architekten

Architekturbüro Reyelts
Strählerweg 117
76227 Karlsruhe
Tel. 0721-9415868
Fax 0721-9415869
buero@reyelts.de
www.reyelts.de

Büroschwerpunkte:
Ökologisches und Nachhaltiges Bauen, Gebäudemodernisierung, Energie- und Förderungsberatung

Bürophilosophie:
Gute Architektur umfasst das ganze Haus – vom räumlichen und funktionellen bis zum konstruktiven und anlagetechnischen Konzept und seiner gestalterischen Umsetzung

Fachplaner

Energiekonzept
Architekturbüro Reyelts, Karlsruhe

Energiesimulation
Delzer Kybernetik GmbH
Ritterstraße 51
79541 Lörrach
Tel. 07621-95770
Fax 07621-957720
info@delzer.de
www.delzer.de

Heizungs- und Solaranlagenkonzept
Sonnenkraft Deutschland GmbH
Clermont-Ferrand-Allee 34
93049 Regensburg
Tel. 0941-464630
Fax 0941-4646331
deutschland@sonnenkraft.com
http://www.sonnenkraft.de

und

J&W Haustechnik GmbH
Anlagenbau & Service
Ferdinand-Porsche-Straße 13
76275 Ettlingen
Tel. 07243-52070
Fax 07243-520730
info@jw-h.de
www.jundw.de

Erdwärmesystemauslegung
Systherma, Planungsbüro für Erdwärmesysteme GmbH i.L.
Finkenstraße 1
72181 Starzach-Felldorf
Tel. 07483-928990
Fax 07483-9289925
info@systherma.de
www.systherma.de


Entwurfsaufgabe

Seit 1938 ist Durlach ein Stadtteil Karlsruhes und ein beliebter Standort für Wohnen und Arbeiten. Das in den frühen 1960er Jahren erschlossene Durlacher Wohngebiet Geigersberg und Lerchenberg liegt am Hang mit weitem Blick über die oberrheinische Tiefebene und in direkter Nachbarschaft zum Durlacher Turmberg. In diesem durchgrünten Gebiet wurden vorwiegend freistehende Einfamilienhäuser in großen Gärten und moderne Villen in Waldnähe errichtet. Es ist eine der begehrtesten Wohnlagen der Fächerstadt.

1997 kaufte der Karlsruher Architekt Hinrich Reyelts mit seiner Frau einen klassischen Bungalow, der im Jahre 1969 im Strählerweg auf dem Lerchenberg erbaut wurde. Das Gebäude erstreckt sich auf einem Hanggrundstück über zwei  Etagen mit insgesamt 500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche. Im teilweise an das Erdreich angrenzenden Sockelgeschoss befinden sich die Praxis der Hausherrin, Hinrich Reyelts Architekturbüro, weitere Nutzräume sowie ein innenliegendes, 42 Quadratmeter großes Schwimmbad. Eine Wendeltreppe führt ins Obergeschoss mit den privaten Wohnräumen. Im Süden öffnet eine Fensterfront den Blick auf Garten und Terrasse.

Ein repräsentatives Bauwerk durchaus, doch hinsichtlich Gebäudehülle, Anlagentechnik und technischer Ausstattung alles andere als zeitgemäß. Der Flachdachbau wies einen für das Baujahr typischen Wandaufbau aus Ziegelmauerwerk mit einer schwachen Glaswolledämmung, verkleidet mit hinterlüfteten Faserzementelementen auf. Das zur Hälfte im Erdreich liegende Sockelgeschoss war in Sichtbeton ausgeführt und ebenfalls nachträglich mit Faserzement verkleidet worden. Aufgrund der hohen Energiekosten wurde das Hallenbad schon lange nicht mehr genutzt. Als 2003 die Erneuerung des schadhaften, spärlich gedämmten Flachdaches und dringende energetische Modernisierungsmaßnahmen anstanden, ging der Bauherr die Sache gründlich an und investierte in ein ganzheitliches, durchdachtes Konzept.

Für den Architekten und ausgebildeten Energieberater, der seit zehn Jahren die Tätigkeitsschwerpunkte seines Büros auf die Bereiche energieeffizientes, solares Bauen und Altbaumodernisierung legt, sind Klimafaktoren und Energieverbrauch zwingende Entwurfskriterien – bei Neubauten und erst Recht im Bereich der Gebäudemodernisierung. Reyelts entwickelte die Idee einer solaraktiven Ziegelwand, um dem aus unterschiedlichsten Fördertöpfen finanziell unterstützten, doch bauphysikalisch umstrittenen Dämmwahn mit dem „Allheilmittel“ Wärmedämmverbundsystem entgegen- zuwirken. Bei seiner Art des „Renovierens mit der Sonne“ sollten thermische Solarpaneele zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung nicht auf dem Dach sondern als neue Wandverkleidung zum Einsatz kommen. Auf dem neu gedämmten, kiesbedeckten Flachdach bleibt so ausreichend Platz für eine effiziente Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung.

Energieeffizientes Bauen bedeutet für den Karlsruher Architekten – der lange Jahre in der Lehre tätig war – immer auch solaraktives Bauen. „Gebäudetechnik“, so sagt er, „sollte immer als aktives Gestaltungselement in die Entwurfskonzepte einbezogen werden – egal ob es sich um einen Neubau oder um ein Sanierungsobjekt handelt. Wir brauchen nicht nur eine Baukultur, sondern auch eine Energiekultur.“ Trotz aller Mühen und einer Planungs- und Bauzeit von insgesamt vier Jahren waren die Umbaumaßnahmen am eigenen Haus für Reyelts damit weit mehr als ein notwendiges Übel. Als innovatives Demonstrationsobjekt ist sein Haus heute ein gebautes Plädoyer dafür, dass Solartechnik mit guter Planung und technischem Sachverstand ästhetischen Ansprüchen mehr als genügen kann.



Projektbeschreibung

Sein Wissen um bauphysikalische Zusammenhänge und deren bauliche Umsetzung nutzte Hinrich Reyelts mit viel  Kreativität. Architektonische Gestaltung, Wohnkomfort und Bauphysik versteht er als untrennbare Komponenten im Entwurfsprozess.
Für die Fassadensanierung wurde im Obergeschoss zuerst die Verkleidung aus Faserzementelementen entfernt, die darunterliegende mineralische Dämmung an schadhaften Stellen ausgebessert und im Bereich der Wärmebrücken und auf dem Flachdach ergänzt. Gebäudevorsprünge und kleinere Restflächen wurden ebenfalls mit mineralischer  Dämmung und Putz versehen. Im Anschluss fand ein Austausch der Faserzementplatten durch solarthermische Fassadenkollektoren statt. Während die Solarbauteile auf Ost-, West- und Südseite des Hauses – insgesamt 86 Quadratmeter Fläche – zur Warmwassererzeugung und zur Erwärmung des Hallenbads herangezogen werden sollten, konzipierte Reyelts die 39 Quadratmeter große Nordfassade als Luftkollektor. Doch was so einfach klingt, stellte sich als nicht  geringes Problem heraus, denn es ließen sich kaum Solarhersteller finden, die fassadentaugliche Solarthermie-Komponenten im Angebot hatten. Und die wenigen Module, die Reyelts finden konnte, waren zudem gestalterisch wenig ansprechend. Für individuelle Lösungen, wie bei der Bungalow-Sanierung gefordert, eigneten sie sich nicht. Dem Bauherren und Planer in Personalunion blieb darum nichts anderes übrig, als Solarhersteller und Heizungsbauunternehmen an einen Tisch zu holen und in intensiver Teamarbeit eine maßgeschneiderte Lösung für sein Fassadenproblem zu finden.

Für die Ausführung einer im konstruktiven wie im gestalterischen Sinne „sauberen“ Glas-Metall-Fassade in PfostenRiegel-Konstruktion mit schlanken Profilen mussten zuerst einmal die Rahmenbedingungen festgelegt werden: Maximale wie minimale Abmessungen der Kollektoren und deren Befestigung mussten geklärt werden, Anschlüsse an Dach und Wand waren zu gestalten, vorhandene Fenster und Türen sollten bündig in die neue Fassade integriert werden – die Fassadenkonstruktion selbst galt es zu entwickeln. Hinzu kam die Lösung für bauphysikalische Fragen, wie beispielsweise Belüftung oder Kondensatbildung. Standardkollektoren mit ihren üblichen Maßen konnten dabei nicht eingesetzt werden und so ließ der Architekt die geschosshohen Solarpaneele in Maßbreite passgenau anfertigen. Die Planung und Gestaltung aller Bauteilanschlüsse, an bestehende Fenster und Türen, an Attika und Sockel, die Montagelösungen und sogar die Führung der Solarleitungen in Fassade und Innenraum nahm er selbst in die Hand. Ergebnis war eine 125  Quadratmeter umfassende Fassade aus Flachkollektoren, deren Erscheinungsbild den nicht unerheblichen Aufwand rechtfertig: Sie wirkt nicht wie ein nachträglich angebrachter Fremdkörper, sondern passt sich der sachlichen Architektursprache des Hauses elegant an. Reyelts wünscht sich – gute Gesamtergebnisse im Blick – zu Recht auch von seinen Kollegen mehr Einsatz im Umgang mit der Bautechnik. Ästhetisch anspruchsvolle Resultate gerade im Bereich des  solaren Bauens sind nur im konstruktiven Zusammenspiel der Disziplinen möglich und schwerlich zu erreichen, wenn der Architekt die Gestaltung der Solartechnik allein dem Heizungsbauer überlässt.

Für die Verkleidung der nach Norden ausgerichteten Sichtbetonwände im Sockelgeschoss waren vorgesetzte Solarelemente nicht sinnvoll. Also entschloss sich der Architekt auch hier für eine bis dato bei Wohnbauten einzigartige Lösung: Zwei Zentimeter starke Vakuumisolationspaneele wurden auf die Betonflächen aufgebracht, zur Fugenüberdeckung (Wärmebrücken) und zum mechanischen Schutz der empfindlichen Vakuumpaneele mit ein Zentimeter starken Purenothermplatten kaschiert, armiert und mit Rauputz versehen. Mit dieser insgesamt nur 4,5 Zentimeter starken vorgesetzten Schicht, die bündig mit der Vorderkante der vorhandenen Fensteröffnungen abschließt, ließ sich ein konventionelles, dickes Dämmpaket und mit ihm die Schießschartenwirkung der Öffnungen verhindern.

Bei der Sanierung der Dachfläche verzichtete Reyelts auf ein Gründach und dichtete die Fläche zunächst neu ab. Dann dämmte er sie mit einer 16 Zentimeter starken, zusätzlichen Schicht und ständerte – auf Aluminiumprofilmatten mit  einer Kiesschüttung beschwert – eine 40 Quadratmeter große Solaranlage auf. Die Entscheidung für eine Dünnschichtphotovoltaikanlage mit 4 Kilowatt Nennleistung hatte sowohl gestalterische wie auch wirtschaftliche Gründe. Dünnschichtmodule weisen ein ruhigeres Oberflächenbild auf als kristalline Elemente, haben geringere Überhitzungsprobleme, sind weniger empfindlich gegenüber Verschattungen und außerdem preiswerter, klärt Reyelts auf. Die Anlage arbeitet zudem sehr wirtschaftlich, da sie auch bei diffusem Lichteinfall Energie erntet. Durch die Solareinträge an Dach und  Fassade können pro Jahr rund 2.900 Liter Heizöl, entsprechend 29.000 kWh/a eingespart werden. Alle Modernisierungsmaßnahmen zusammengenommen führten zu einer Endenergieeinsparung von etwa 94 Prozent.

Rund 540 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche hat Reyelts insgesamt in die Sanierung investiert. Zuschüsse wurden nur von der KfW und für die Erdsonde gewährt und sind nicht mit eingerechnet. Kosten, die sich lohnen: Etwa 10.000 Euro im Jahr müsste Reyelts heute – ohne die Modernisierung – für Heizöl ausgeben, nun nach der Modernisierung hat er lediglich Stromkosten in Höhe von 3.956 Euro jährlich zu tragen. Bei Abzug der Stromeinspeisungsvergütung aus der Photovoltaikanlage in Höhe von 2.343 Euro verbleiben nur noch 1.613 Euro jährlich an Brennstoffkosten. Eine Einsparung also von derzeit rund 84 Prozent. Bei Abzug eines ohnehin anfallenden Instandhaltungsaufwandes für Heizungsanlage und Gebäudehülle in Höhe von circa 110.000 Euro – so rechnet er weiter – ergibt sich eine reelle Amortisationszeit von 10,4 Jahren (Kapitalkosten und Teuerung nicht eingerechnet), die bei zu erwartenden weiteren Ölpreissteigerungen sogar noch weiter sinken wird.

Mit dem Haus im Strählerweg hat Architekt Reyelts ein zukunftsfähiges Konzept für die Erstellung und Sanierung von Fassaden aufgezeigt und die Möglichkeiten des solaren Bauens im Bestand und im Bereich Fassadensanierung beispielhaft belegt. Das zukunftsweisende Energiekonzept mit seiner Solar- und Heizungsanlage für Wärmepumpen und Erdsondeneinspeisung wurde darum 2007 mit dem Energiesparpreis des Bundesumweltministeriums ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt das Haus mit der umlaufenden Solarfassade den Deutschen Solarpreis 2008.


Baukonstruktion

Ursprungszustand des Bungalows von 1969

Der Flachdachbungalow ist in Massivbauweise errichtet. Das talseitig zurückgesetzte Sockelgeschoss wies 20,5 Zentimeter starke Sichtbetonaußenwände und eine innenliegende 3,5 Zentimeter starke Dämmung (U = 0,87 W/m2K) auf. Die Außenwände des Obergeschosses aus 24 Zentimeter starken Hohlziegel-Mauerwerkselementen waren mit 5 Zentimetern Glaswolle und einer hinterlüfteten Eternitplattenverkleidung (U = 0,52 W/m2K) versehen. Die Nordseite wies starke Algenbildung auf. Die Sichtbeton-Ringbalken über Sockel- und Obergeschoss waren ungedämmt, die noch gut erhaltenen Holzfenster mit Isolierverglasung hatten auf der Westseite einen Aluminiumvorsatz. Das Flachdach – mit einer 5 Zentimeter starken Dämmschicht versehen – war mit Kies belegt. Der Energiebedarf lag bei 260 kWh/m2 für Raumheizung und Warmwasserbereitung, den ganzjährigen Schwimmbadbetrieb miteingerechnet – was in etwa einem jährlichen Gesamtenergieverbrauch von 121.000 kWh/a entspricht.

Nach der Modernisierung

Für die Sanierung der Obergeschossfassaden wurde zuerst die Verkleidung aus Faserzementplatten an den Außenwänden entfernt. Nach Entwurf und Zeichnung des Architekten erfolgte die direkte Montage der einzeln und speziell für die Fassadenintegration gefertigten thermischen Solarkollektoren auf die bestehende Dämmung und Außenwand mit horizontalen und vertikalen T-Schienen. Insgesamt 125 Quadratmeter Fassadenfläche wurde so verkleidet. Ost-, West- und Südseite des Hauses als aktive thermische Solarwand, die Nordfassade als Luftkollektor. Die zehn Zentimeter starke  umlaufende Kollektorschicht ist dabei gleichzeitig eine hocheffiziente Dämmhülle. Der Aufbau der Kollektorenfassade – ein Randprofil, zwei Zwischenprofile, thermisch getrennter Aluminiumrahmen und Holzrückwand – ermöglichte ein filigranes Pfosten-Riegel-System mit schlanken, nur vier Zentimeter breiten Profilen. Individuell angepasste Elementgrößen bis zu 1,65 mal 3,00 Metern garantieren die vollständige Belegung der Fassadenflächen ohne Unterkonstruktion, die Überdeckung von wärmebrückenbildenden Betonrandbalken und die vollständige Einbindung aller Fassadenelemente. Die  vorhandenen Wärmeschutzfenster und der Außenkamin konnten vollständig in die neue Glas-Metall-Struktur der Solarfassade einbezogen werden (erreichter statischer U-Wert der Außenwände = 0,28 W/m2K, effektiver U-Wert = 0,19 W/m2K an Wintertagen ohne Sonne und 0,035 W/m2K an sonnigen Wintertagen).

Möglichst großformatige Kollektorflächen sind dabei anlagentechnisch wie wirtschaftlich sinnvoll und tragen gestalterisch zu einem ruhigen und großzügig wirkenden Fassadenbild bei. Die geschraubten Glasfalzleisten der Kollektoren nehmen die Blechverwahrungen der Fensteranschlüsse sowie Zwischen-, Rand- und Abschlussprofile auf. Die auf diese Weise mögliche vollständige Überfalzung der Fensterblendrahmen schützt und saniert gleichzeitig die alten, aber intakten Holzfensterrahmen. Den Anschluss der Kollektoren an die Flachdachattika löste der Architekt mit einem zweiteiligen Aluminiumwinkelprofil, das die Fassadenbelüftung sicherstellt und die thermische Ausdehnung der Konstruktionselemente nicht behindert. Im Bereich von bestehenden Wärmebrücken wurde die Dämmung erneuert und ergänzt, die Außenwände des Sockelgeschosses erhielten eine Verkleidung mit zwei Zentimeter starken Vakuumisolationspaneelen, auf die ein Zentimeter starke Purenothermplatten plus Armierung und Rauputz aufgebracht wurden (Wärmeleitfähigkeit der Isolations- paneele = 0,0042 W/m2K im WDVS 4,5 Zentimeter – erreichter U-Wert der Wand 0,14 W/m2K). Mit dem Einsatz von  Vakuumisolationspaneelen bei Einfamilienhäusern zeigt Reyelts ein Novum. Die Elemente weisen zwar eine bessere Dämmwirkung als konventionelle Dämmstoffe auf, sind jedoch aufgrund ihrer aufwendigen Verarbeitung und den daraus resultierenden Kosten noch wenig verbreitet. Das Flachdach wurde neu eingedeckt, mit einer 16 Zentimeter starken zusätzlichen Wärmedämmung versehen (Wärmeleitfähigkeit des Daches = 0,028 W/m2K) und mit einer Photovoltaikanlage (elektrische Spitzenleistung = 4,0 kWp) ausgestattet.

Nach der energetischen Modernisierung liegt der jährliche Energieverbrauch des Gebäudes – inklusive Schwimmbadbetrieb – derzeit bei 19.500 kWh/a elektrisch zu vorher mindestens 121.000 kWh/a, entsprechend 12.100 Litern Heizöl, und mit sinkender Tendenz infolge Optimierung der Heizungssteuerung sowie der solaren Erwärmung der Energiequelle  Erdreich.


Interview

mit Architekt Hinrich Reyelts


Bauen gilt als besonders ressourcen- und materialintensiv. Wie definieren Sie den Begriff der Nachhaltigkeit in der Architektur?
Nachhaltigkeit in der Architektur bedeutet nicht nur allgemein soziale, ökologische und ökonomische Verträglichkeit und Dauerhaftigkeit, sondern das Entwickeln und Umsetzen von ganzheitlichen und optimalen räumlichen und gestalterischen Konzepten. Hierzu gehört auch der ressourcenschonende, effiziente und schadstoffreduzierte Einsatz von  Materialien.

Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung und Umsetzung Ihrer Idee der solaraktiven Ziegelwand?
Die größte Herausforderung war, von Anfang an, Partner für die konstruktive und technische Umsetzung zu gewinnen und sie von der Sinnhaftigkeit des Vorhabens zu überzeugen. Dies gilt auch für die Förderbürokratie, die nur bekannte Sanierungsmaßnahmen fördert und an Innovationen bei Wohnungsbau und Solartechnik nicht glaubte und nicht glaubt – auch nicht nach der Unterstützung und Anerkennung durch Forschung und Wissenschaft.

Konnte sich das Haus in seiner Umgebung behaupten? Wie war die Reaktion der Nachbarn, Passanten etc.?
Die Reaktionen von Nachbarn und Umgebung – aber mehr noch von Architektenkollegen – reichen von Befremden und Ablehnung („Was haben Sie mit ihrem Haus gemacht, das sah vorher besser aus.“) über Äußerungen wie „Was interessiert mich als Architekt, was für eine Heizung ein Haus hat“, bis zu Respekt und Anerkennung der gestalterischen  Lösung, vor allem der Vorbildfunktion für energiesparendes und nachhaltiges Bauen.

Nun fünf Jahre nach Fertigstellung: Was ist besonders gut gelungen, was würden Sie heute anders machen?
Konstruktiv und gestalterisch ist die Solarfassade nach wie vor als gelungen anzusehen. Ich würde heute allerdings eine systemsichere und damit preiswertere Lösung suchen und eine damals noch nicht verfügbare, zurückhaltendere  Beschichtung der Kollektorflächen wählen, beispielsweise in mattiertem Grau. Die Einspeisungsmöglichkeit der „Niedertemperatur-Restwärme“ der Solarkollektoren stellt in der Praxis den regenerativen energetischen Clou des Gesamtkonzeptes dar.


Presseschau

Bücher

- Barbara Linz, Eco-Houses/Ökohäuser, Ullmann Verlag, 2009
- Hartmann/Siegele, Heizungsmodernisierung in Wohngebäuden, DVA, 2009

Fachzeitschriften

xia/intelligente architektur, DBZ, Baukultur, Solares Bauen

Web

Sonnenenergie, Stern, Das Haus, Baunetz

Heizung und Warmwasser

Die Heizung des Hauses war von vorneherein als Luftheizung konzipiert und hatte damit für das Baujahr 1969 bereits eine ungewöhnliche technische Konzeption. Es befinden sich im gesamten Gebäude keine Heizkörper, da die warme Luft über unsichtbare Luftauslässe oberhalb der Deckenverkleidung in die Räume eingeblasen und durch Lüftungsschlitze an den Fensterbereichen wieder eingesaugt wird.

Die neuen Fassadenkollektoren wurden zunächst parallel zu dem vorhandenen Konstanttemperatur-Ölkessel betrieben, der 2006 durch eine geothermische Sole/Wasser-Wärmepumpe von Viessmann, eine Vitocal 350-G, ersetzt wurde. Diese bildet seitdem das Herzstück der gesamten energetischen Planung im Haus. Um den Wärmepumpenbetrieb zu  gewährleisten, mussten zweimal je 100 Meter tiefe Bohrungen für die Erdsonden vorgenommen werden. Die Arbeit der Wärmepumpe wird von den drei aktiven Kollektorfassaden unterstützt: Sie erhöhen die Vorlauftemperatur und speisen nicht benötigte Wärme in das Erdreich ein. Dadurch verbessern sie die Arbeitszahl des Gerätes erheblich. Die 40 Quadratmeter große Photovoltaikanlage auf dem Dach reduziert den externen Energiebedarf des Hauses und deckt mit ihrer Vergütung inzwischen zu etwa 60 Prozent die Stromkosten der Heizung.

„Jeder Bauherr sollte eine solarthermische Anlage so wählen, dass sie auch zur Heizungsunterstützung beiträgt“, erklärt Reyelts und fügt abschließend hinzu: „Ich bin bei Solaranlagen grundsätzlich gegen Plug & Play-Lösungen. Bei solar  unterstützten Heizungsanlagen sollte jede Komponente individuell einstellbar sein, da ihre Effizienz in hohem Maße von einer Optimierung des Betriebs abhängig ist.“

Der Technikraum im rückwärtigen Bereich des Sockelgeschosses beherbergt die Wärmepumpe Vitocal 350-G (17,1 kW  Leistung und maximal 65 Grad Vorlauftemperatur), die Solarregelung und die wasserbeheizten Register mit Einzelraumregelung für die Erwärmung der Luftheizung (max. Lufttemperatur 50 Grad Celsius). Im benachbarten Kellerraum sind zwei Lade- und Pufferspeicher mit jeweils 1.000 Liter Fassungsvermögen untergebracht. Eine Frischwasserstation mit 35 Litern pro Minute Förderleistung sorgt für eine verlustfreie und hygienisch optimale Versorgung mit warmem Trinkwasser. Über ein Monitoring-System können die einzelnen Komponenten der Anlage von hier aus stets kontrolliert und optimiert werden.

Durch sein exakt aufeinander abgestimmtes energetisches Sanierungskonzept konnte Reyelts bei seinem Wohn- und Bürohaus eine Energieeinsparung von 101.500 kWh/a erreichen. Mit den vertikal eingebauten Kollektorflächen werden jährlich etwa 60.000 kWh Energie aus der Sonne gewonnen und gleichzeitig passivhaustaugliche Dämmwerte der  Außenwände mit einem U-Wert von 0,19 W/m2K erreicht. Die Stromerzeugung der Photovoltaikanlage auf dem Dach liegt im Mittel bei 3.800 kWh/a, die mit dem Einsatz regenerativer Energien erreichte CO2-Einsparung macht etwa 2 Tonnen pro Jahr aus. Aus dem ehemaligen Energiefresser der 1960er Jahre ist ein modernes Niedrigenergiehaus geworden.

Reyelts hofft, mit seinem Beispiel Bauwillige von den vielfältigen Möglichkeiten einer energieeffizienten Modernisierung überzeugen und für Einsparungsmaßnahmen beziehungsweise nachhaltige Neubaukonzepte begeistern zu  können. „Bei Altbausanierungen, aber auch bei Neubauten liegt das wirkliche Einsparpotenzial aufgrund guter Gesamtkonzepte unter Einschluss gebäudetechnischer Gesamtlösungen noch weitestgehend brach“, klagt er. Zu viele, oft falsche Informationen seien im Umlauf und verunsicherten interessierte Bauherren. Aufklärung tut not, wenn es um Energieeinsparung und damit auch um die Zukunft des Bauens geht.

Autorin: Iris Darstein-Ebner
Fotos: Markus Bachmann, Samba

> Produktinfos Sole/Wasser-Wärmepumpe Vitocal 350-G