Einfamilienhaus in Börwang



Daten und Fakten

Standort: 87490 Haldenwang, OT Börwang
Bauherr: Grace Kamoo und Thomas Weiss
Architekt: becker architekten, Kempten
Bauzeit: 09/2005 bis 10/2006

Weitere Daten:
Grundstücksfläche: 902 qm
HNF: 189,40 qm + Keller 52,40 qm

Architekten

becker architekten
Beethovenstraße 7
87435 Kempten / Allgäu
Tel. 0831-5122000
Fax 0831-5122001
info@becker-architekten.net
www.becker-architekten.net

Beteiligte Mitarbeiter
Michael Becker, Franz - G. Schröck, Bernhard Kast

Tätigkeitsbereiche
Beratung, Denkmalpflege, Energieberatung, Facility Management, Garten- und Landschaftsplanung, Innenraumplanung, Lichtplanung, Messebau, Möbeldesign, ökologisches Bauen, SiGe-Koordination, Stadt- und Regionalplanung, Umbau/Sanierung, Visualisierung, Wettbewerbe

Bürophilosophie
- Auseinandersetzung mit dem Ort, seiner Identität, Topographie und Historie
- konzeptioneller Entwurfsansatz im Zusammenspiel mit dem Bauherrn und Nutzer
- funktionale Planung unter Berücksichtigung der Faktoren Nachhaltigkeit, Energie, Ökologie
- ganzheitliche Umsetzung
- Materialisierung zur Schaffung einer stimmigen Raumatmosphäre

Schwerpunkte
öffentliche Bauten, Schulbauten, Büro- und Wohnhäuser, Industriebau, städtebauliche Konzepte

Fachplaner

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Harald Böller
Manzen 22
88161 Lindenberg im Allgäu
Tel. 08381-941980
Fax 08381-941981
boeller-plan@t-online.de

Technische Ausrüstung (Heizung, Lüftung, Sanitär)
Friedwill Frey GmbH
Lerchenstraße 2
87452 Altusried-Frauenzell
Tel. 08373-9879700
Fax 08373-9879722
info@friedwill-frey.de
www.friedwill-frey.de

Lichttechnik
Die Welle
Klosterplatz 9
87509 Immenstadt
Tel. 08323-968507
Fax 08323-968509
info@licht-raum-klang.de
www.licht-raum-klang.de


Entwurfsaufgabe

Mit der Planung des Einfamilienhauses wurde zunächst ein anderer Architekt beauftragt. Es sollte sich jedoch schnell herausstellen, dass dieser das Grundstück nicht optimal nutzte und auch die Raumanordnung nicht dem Wohn- und Lebensstil der Bauherren entsprach. So vertrauten sich Grace Kamoo und Thomas Weiss becker architekten aus Kempten an. Nachdem Bedürfnisse, Vorstellungen und Lebensgewohnheiten geklärt waren, einigte man sich darauf, ein ungewöhnliches Konzept zu entwickeln. Die Rahmenbedingungen des Bebauungsplanes sahen ein in der Geschossigkeit begrenztes Einfamilienhaus in einem reinen Wohngebiet vor. Die Ästhetik spielte für die anspruchsvollen Bauherren, eine Übersetzerin und einen Sportjournalisten, eine besonders große Rolle. Weiterhin sollte sich das neue Wohngebäude in den dicht besiedelten Ortsteil mit überwiegend konventioneller Bebauung gut einfügen.



Projektbeschreibung

Das Einfamilienhaus Kamoo/Weiss liegt im bayerischen Oberallgäu, im Ortsteil Börwang der Landgemeinde Haldenwang. Dort wurde im Jahr 1994 ein Baugebiet mit dem Namen "Am Prinzenbuckel" vor allem für jüngere, einheimische Familien ausgewiesen. Der Neubau des Wohnhauses hebt sich hinsichtlich Form und Materialiät von der umgebenden Bebauung ab, fügt sich aber dennoch in die heterogene Siedlungsstruktur ein. Dies gelang dem Allgäuer Architekturbüro becker architekten, indem sie sich zunächst an der Grünstruktur des Bebauungsplanes orientierten.

Das Baugebiet wird durch ein Fußwegenetz erschlossen, jedoch immer wieder durch Knotenpunkte wie Biotope, Spielplätze und Schilfzonen aufgeweitet. Entlang der Nordostseite des Grundstückes Kamoo/Weiss verläuft eine Grünader, die den Architekten den Impuls gab, die Bebauung des Grundstücks als weitere Grünaufweitung zu sehen.

Auf dem langen und schmalen, insgesamt 902 Quadratmeter großen Grundstück wurde eine Art Linearstruktur entwickelt, bestehend vor allem aus Hecken in verschiedenen Höhen und Breiten. Diese grünen Elemente schirmen das Grundstück nach außen ab, zonieren es nach innen und geben gezielt Ausblicke frei. Weitere strukturierende Elemente sind ein geplantes Wasserbassin und ein Terrassensteg, sowie der bereits realisierte langgestreckte Carport mit Abstellraum.

Der Baukörper mit den Abmessungen 21,7 x 7,7 Meter ist ebenfalls Teil dieser Linearstruktur. Der zweigeschossige, teilunterkellerte und längsgerichtete Riegel erhielt als Außenhaut eine vertikal gegliederte Holzfassade. Aufgrund seiner Plastizität und Materialität kann der Baukörper jedoch auch als "Skulptur im Grünen" aufgefasst werden.

Dabei wird der Kubus durch eine diagonal verlaufende Wand getrennt, die das gemeinschaftliche Familienleben vom Individualbereich abgrenzt. Die innere Erschließung, die durch die Diagonale eingeleitet wird, erzielt in Form einer "liegenden Acht" eine pragmatische Verknüpfung aller Hausbereiche. Auf der Ostseite befinden sich Schlafzimmer, ein Bad und ein Saunabereich sowie der Treppenzugang zu den Kellerräumen. Auf der anderen Seite sind die Nebenräume wie Garderobe und WC, die Küche mit Abstellraum, sowie der zweigeschossige Essbereich, der auf Wunsch der Bauherren als zentraler Aufenthaltsbereich dienen sollte, untergebracht. Einschnitte in der rechteckigen Grundrissform erzeugen mehrere Loggien. Diese können durch Schiebefaltläden bündig verschlossen werden, so dass nicht einsehbare Freibereiche nach Osten, Süden und Westen entstehen.

Der Wohnbereich liegt über dem Essbereich im Obergeschoss und wird über eine Treppe und Galerie mit diesem verbunden. Weiterhin befinden sich auf dieser Etage ein zweites Bad, sowie Kinderzimmer und ein Arbeitszimmer. Für diese Individualräume gibt es einen Austritt, sowie eine tief eingeschnittene Wohnterrasse nach Westen mit Blick auf das Illertal und den gegenüberliegenden Berg, den so genannten "Blender".

Die nach innen zur Diagonale geneigten Pultdächer spiegeln die Grundstruktur des Inneren wider, unterstreichen die leichte Senke des Grundstücks und verleihen der Wohnskulptur zusätzliche Plastizität. Dies bewirken auch die verschiedenen Einschnitte, die dem Baukörper eine eigenständigen Form verleihen. Diese bieten Offenheit und Rückzugsmöglichkeiten zugleich. Auch die Fassade spielt mit diesen beiden Gegensätzen: Einerseits zeigt sie eine völlig geschlossene Nordansicht, andererseits öffnen sich verschiedene Bereiche mit größeren Glasfronten zum Garten hin, so beispielsweise der Essbereich im Süden des Hauses. Ein schmaler vertikaler Schlitz lässt hingegen den darüber liegenden Wohnbereich zu einem intimen Ort werden.


Baukonstruktion

Das skulpturale Einfamilienhaus im Grünen wurde ganz klassisch als Massivbau errichtet: aus Stahlbeton und Ziegelstein. Im nicht unterkellerten Bereich sitzt das Gebäude auf Streifenfundamenten, während im unterkellerten Bereich eine Bodenplatte die Lasten auffängt. Die Kellerwände und Decken wurden in Ortbeton realisiert. Ringanker stellen den Lastabtrag ins Mauerwerk sicher. Die abschließenden Decken neigen sich über dem Obergeschoss leicht zu Pultdächern: die südliche Dachneigung mit 2,8 Prozent Gefälle, die nördliche mit 2,5 Prozent Gefälle. Dämmung, Bitumen und Kies schließen das Dach nach oben ab. Die Innendecken sind weiß verputzt.

Die nichttragenden Innenwände wurden ebenfalls als Massivkonstruktion ausgeführt. Ebenso wurden die auskragenden Treppenstufen in Stahlbeton ausgeführt. Die Innenwände aus Mauerwerk wurden weiß verputzt und harmonieren mit den Fensterelementen aus Weißtanne.

Die Außenhaut aus unbehandelter Lärche wurde mit einer Unterkonstruktion am Mauerwerk befestigt. Die hinterlüftete Konstruktion ist zwischen den Holzständern mit Mineralfaserdämmung gefüllt. Analog zur Lärchenholzschalung der Fassade schmückt im Inneren ein Mosaikparkett aus weiß pigmentierter Eiche den Boden. Der Charakter der hellen Innenräume wird durch diese Materialauswahl zusätzlich unterstrichen. Die Böden in den Bädern sind mit dunklem, portugiesischem Schiefer belegt, was die puristische Linie der Innenarchitektur unterstützt.

Nachhaltigkeit

Bei der Realisierung des Gebäudes war es den Architekten ein besonderes Anliegen, sich einer regionalen Wertschöpfungskette zu bedienen. Neben natürlichen, traditionellen Materialien, die mit kurzen Lieferwegen von heimischen Handwerkern eingebaut wurden, griffen sie auch auf ortsansässige Ingenieure für Tragwerksplanung, Heizung-, Lüftung-, Sanitär- und Elektroplanung zurück. Dies alles erfolgte vor dem Hintergrund, möglichst wenig Umweltressourcen zu verbrauchen und eine entsprechende Nachhaltigkeit des Bauvorhabens zu gewährleisten. Der Niedrigenergiehaus-Standard nach EnEV 2004 ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich.


Interview

mit becker Architekten


Wie kamen Sie auf die Idee, die Bebauung zunächst als Teil der Grünordnung und weniger als Teil der Bauordnung zu sehen?

Die Grünordnung ist "Am Prinzenbuckel" ein prägendes Element des Bebauungsplanes, bestehend aus Vegetationsadern mit punktuellen Aufweitungen. Auf der Ostseite des zu beplanenden Grundstücks verläuft eine solche Ader mit Bachlauf, so dass der Gedanke entstand, den Bauplatz als Grünaufweitung zu sehen und dies auch in den Außenanlagen des Einfamilienhauses fortzuführen.

Wie konnten Sie den Gemeinderat von dem außergewöhnlichen Entwurf überzeugen?
Der Gemeinderat wurde frühzeitig über die Planungsüberlegungen informiert. Die Bauvorlage durfte dann persönlich im Gemeinderat vorgestellt werden, wobei der konzeptionelle Grundgedanke der "Skulptur im Grünen" mehrheitlich überzeugen konnte.

Was zeichnet das Wohngebäude besonders aus?
Zum einen sicherlich die skulpturale Baukörperformulierung bei gleichzeitiger Einpassung in den Grünraum durch die vollflächig verwendete Fassadenschalung aus Holz, zum anderen die spannenden Raumzuschnitte und -verschränkungen im Gebäudeinneren, verbunden mit einer differenzierten Tages- und Kunstlichtführung.

An welchem Ort des Hauses würden Sie sich besondern gern aufhalten?
Jeder Raum des Hauses hat bestimmt seine eigenen individuellen Qualitäten - am besten gefällt mir jedoch die "promenade architecturale" in Form einer liegenden Acht, die sich als Erschließung durch das gesamte Haus zieht.


Technischer Ausbau

Heizung, Lüftung, Sanitär

Das ästhetisch und funktional hochwertige Einfamilienhaus wurde im Niedrigenergiehaus-Standard nach EnEV errichtet. Integriert wurden ein Gas-Brennwertkessel, ein Speicher-Wassererwärmer, sowie entsprechende Regelungstechnik des Unternehmens Viessmann. Dabei sorgt der Vitodens 200 für kompromisslose und konsequente Brennwerttechnik und Energieausnutzung. Dank der innovativen Brennertechnik mit modulierendem MatriX-compact-Gasbrenner und der speziell entwickelten Inox-Radial-Heizfläche erzielt er einen Norm-Nutzungsgrad von bis zu 109 Prozent. Die radiale Bauweise des Wärmetauschers ermöglicht nicht nur große Wärmetauscherflächen auf kleinstem Raum, sondern sie arbeitet durch das laminare Wärmeübertragungsprinzip auch besonders effektiv. Der Gas-Brennwertkessel fügt sich platzsparend in den Heizraum des Einfamilienhauses ein und sorgt selbst bei höchster Leistung für nur minimale Schadstoff-Emissionen.

Für die kostengünstige Trinkwassererwärmung sorgt der Speicher-Wasser-Erwärmer Vitocell 100. Im Einfamilienhaus Kamoo/Weiss wurde ein Speicherbehälter mit 200 Liter Fassungsvermögen gewählt. Ein schnelles und gleichmäßiges Aufheizen des Wassers wird über groß dimensionierte Heizwendel erreicht.

Der Gas-Brennwertkessel und der Speicher-Warmwasser- Erwärmer werden ebenfalls durch Viessmann Regelungstechnik gesteuert: dabei kommen die Systeme Vitotronic 200 und Vitotronic 050 zum Einsatz.

Ein Holzkaminofen auf der Galerie im Wohnbereich sorgt für gemütliche Stunden. Dessen Abluft transportiert ein Edelstahlrohr ins Freie. Der Heizraum wird durch ein Abluftrohr auf der Nordseite des Hauses entlüftet. Ansonsten erfolgt die Be- und Entlüftung des Einfamilienhauses auf natürliche Weise.

> Produktinfos Gas-Brennwert-Wandgerät Vitodens 200-W
> Produktinfos Warmwasserspeicher Vitocell 100-W

Beleuchtung

Zur Beleuchtung der Innenräume wurden Nischen für Leuchtstoffröhren in die Deckenplatten eingelassen. In der Anordnung dieser Beleuchtung spiegelt sich das Konzept des Grundrisses wieder: die Form der Acht wurde auch hier aufgegriffen.

Autor: Nicole Böhle