Bahnhof in Grebenstein



Daten und Fakten

Standort: Bahnhof, 34393 Grebenstein
Bauherr: Magistrat der Stadt Grebenstein, Nordhessischer VerkehrsVerbund NVV
Architekt: schöne aussichten landschaftsarchitektur, Sickingenstraße 10, 34117 Kassel
Bauzeit: 2003-2004

Nutzfläche
Nutzläche unter dem neuen Dach: 144 qm
Bahnhofsgebäude: 420 qm

Baukosten
710.000 € Platzgestaltung, Bahnhofsstraße, P + R-Anlage, Freianlagen
190.000 € Bahnhofsdach

Auszeichnungen:
Renault Traffic Design Award 2004, Anerkennung im Architektenwettbewerb
 

Architekten

Schöne aussichten landschaftsarchitektur
Martin Blank, Stefan Kettlitz, Günter Sandmann
Freie Landschaftsarchitekten- und Ingenieure AKH BDLA
Sickingenstraße 10
34117 Kassel
Tel. 0561 / 766769-0
Fax 0561 / 766769-9
mail@schoeneaussichten.net
www.schoneaussichten.net

Mitarbeiter
Dipl. Ing. Isabelle van Asbroeck
Dipl. Ing. Ilka Raabe
Dipl. Ing. Moritz Möllers

Leistungsbereiche
1-9

Tätigkeitsbereiche
Beratung, Garten- und Landschaftsplanung, Gutachten, Lichtplanung, Stadt- und Regionalplanung, Wettbewerbe

Schwerpunkte
Dienstleistungsbauten, Gesundheitswesen/Sozialeinrichtungen, Schulen/Kindergärten, Sport/Freizeitanlagen, Verkehrsbauten/Planung, Wohnbauten

Fachplaner

Architektur
mand oder siever
Sickingenstraße 10
34117 Kassel
Tel. 0561 / 7391788

Tragwerk
Dipl.-Ing. (VBE) Helmut Gries
Wittrockstraße 14
34121 Kassel
Tel. 0561 / 20096-0

Elektro
Ingenieurbüro Blank
Ritterstraße 2
31134 Hildesheim
Tel. 05121 / 31000

Heizungsplanung
Bauamt der Stadt Grebenstein
Markt 1
34393 Grebenstein

Baugrund
Ing.- und Umweltgeologie Schmidt
Berliner Straße 32A
34376 Immenhausen

Vermessung
Vermessungsbüro Brauroth
Weißenburgstraße 8
34117 Kassel

Prüfstatik
KMS Ingenieure GmbH
Kirchweg 10
34121 Kassel

Entwurfsaufgabe

Der Haltepunkt Grebenstein in Hessen: Ein Bahnhofsgebäude aus der Blütezeit der Bahn, seiner Funktionen beraubt, und ein 12 x 12 Meter großes Dach, unter dem sich im Freien sämtliche Bahnhofsfunktionen vereinen. Alt und Neu stehen unmittelbar nebeneinander und verleihen der nordhessischen Fachwerkstadt ein neues, spannendes Entrée. Das Bahnhofsgebäude bekam eine neue Heizung für einen komfortablen Aufenthalt, das Dach markiert mit wirkungsvoller Lichtgestaltung den eigentlichen Funktionsbereich des Bahnhofs.

Der Bahnhof Grebenstein liegt auf der Strecke Kassel – Warburg und gehört seit 1995 zum Regio-Tram-Konzept des NVV (Nordhessischer Verkehrsverbund). Das Konzept beinhaltet die Vertaktung der Bahnen aus der Region um Kassel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt selbst. Im Zuge dieser Neuordnung bekamen 54 Bahnhöfe ein neues Gesicht, unter anderem auch Grebenstein. Grundlage für die Veränderung bildete eine Studie der Arbeitsgruppe Nutzungsplanung ANP in Kassel, in dem zahlreiche Veränderungen gefordert wurden, um den vernachlässigten Ort aufzuwerten: Eine bessere Anbindung des Bahnhofs in alle Richtungen, die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die Umnutzung und Modernisierung des ehemaligen Bahnhofsgebäudes, eine verbesserte räumliche Verknüpfung von Bahn und Bus, der Ausbau der Park-and-Ride- bzw. Bike-and-Ride-Parkplätze sowie die Aufwertung des Umfeldes, das von unattraktiver Mischbebauung und vernachlässigten Außenbereichen geprägt war.



Projektbeschreibung

Der Bahnhof liegt im Osten von Grebenstein an einem Hang und ist durch das Flüsschen Esse von der Altstadt getrennt. Der Zugang erfolgt über einen Steg und eine schmale Straße entlang einiger Wohnhäuser und Grünstreife. Auf dem Gelände befinden sich auch einige Gewerbebauten. Als erste Maßnahmen wurden die wild wachsende Vegetation zurück geschnitten und einige Bäume gefällt. Dadurch wurde der Blick auf die Stadt im Westen und die mittelalterliche Burg im Südwesten wieder frei. Auf der anderen Seite des Bahnhofs wurde in den neunziger Jahren das bestehende Industriegebiet durch ein Wohngebiet ergänzt, das bislang noch unzureichend an den Bahnhof angebunden war. Durch eine Verlängerung der Unterführung unter den Bahngleisen und eine Rampe sollte der Zugang behindertengerecht und bequemer werden. Das alte Bahnhofsgebäude schließlich wird als Werk- und Bildungsstätte für Jugendliche sowie als Wohnraum genutzt. Die Abwicklung des Bahnverkehrs findet im Freien statt. Mit dem neuen, Dach bekamen diese Aktivitäten eine optische und funktionale Klammer.

Das zweigeschossige, 24,70 x 14,90 Meter große Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1872, als die Eisenbahnlinie aus der Stadtmitte auf die Ostseite von Grebenstein verlegt wurde. Im Zuge der Umstrukturierung der Bahnstrecke wurde das denkmalgeschützte Gebäude zunächst von der Deutschen Bahn an die Stadt Grebenstein verkauft, die es anschließend modernisierte. Die Außenwände bestehen aus einem Sandsteinsockel und rotem Ziegelmauerwerk, das durch Sandstein in den Fensterbögen, Simsen und einem Fries in Höhe der Geschossdecken akzentuiert wird. An verschiedenen Stellen musste feuchtes Mauerwerk trocken gelegt werden. Außenfenster und -türen aus Holz mit Einscheibenverglasung wurden durch isolierverglaste Bauelemente ersetzt. Der Innenausbau blieb weitgehend erhalten und kann als Zeugnis einer 100 Jahre währenden Geschichte gelesen werden. So blieb der steinerne Fußboden im Eingangsgeschoss mit sämtlichen Beschädigungen erhalten, ebenso wurde der Linoleum-Belag auf den Stufen der Holztreppe nur aufgearbeitet. Die Treppe selbst wurde frisch gestrichen. Unter den Holzbalkendecken befand sich eine Bekleidung aus Schilfrohr und Putz. Ein besonders schöner Raum ist der große Schulungssaal mit einer alten gusseisernen Säule, die neu lackiert wurde. Die Wände bekamen einen freundlichen Anstrich. Die Wohnungen in den Obergeschossen wurden modernisiert, der Holzboden von Teppich befreit und überarbeitet. Das Dach wurde gedämmt und das Gebäude erhielt eine moderne und umweltschonende Heizung. Die Betriebskosten konnten so minimiert werden.

Die Funktionen des Bahnhofsgebäudes, Reisenden Fahrkarten und Aufenthaltsmöglichkeit zu bieten, wurden in den Außenbereich unter das große Dach verlagert. Das Gebäude selbst wird als Werk- und Bildungsstätte und als Wohnraum genutzt. Unter dem neuen Dach sind Fahrkartenautomaten, Fahrgastinformationen sowie Wartebereiche mit gläsernem Windschutz zusammengefasst. Es steht unmittelbar neben dem alten Bahnhofsgebäude am vordersten Gleis, das von den Zügen in Richtung Kassel angefahren wird. Die Züge in der Gegenrichtung, nach Warburg, bedienen Gleis 2, das durch die Unterführung mit Gleis 1 verbunden ist. Beide Aufgänge sind überdacht, der vordere nur ein paar Schritte von der neuen Überdachung entfernt. Das Dach überspannt den zentralen Bereich des Bahnsteigs und verbindet ihn mit der Vorfahrt für die Busse, ebenso mit den P+R- und B+R-Plätzen. Es kragt über acht unregelmäßig verteilte Stützen aus und ermöglicht, trockenen Fußes zwischen Bus, Bahn und Auto umzusteigen. Der zwei Meter hohe Dachrand ist mit Holzlamellen verkleidet. Um den Pflegeaufwand gering zu halten, wurde unbehandelte Lärche gewählt, die mit der Zeit silbrig vergraut. Hinter der Beplankung installierte Lampen sorgen nachts für eine gut sichtbare Markierung. Der Bahnsteig unter dem Dach wird durch die Lichtdecke aus mattiertem Glas gleichmäßig ausgeleuchtet.

Der Platz vor dem Dach wurde ebenfalls neu gestaltet. Vor dem Umbau als Parkplatz genutzt, steigt nun eine hell gepflasterte Fläche in flachen Stufen zum Niveau des Bahnhofs an. Hier sind Bänke unter freiem Himmel verteilt, von denen die Wartenden den Blick auf die Stadt genießen können. Nach dem Zufallsprinzip wurden hier außerdem Kugeleiben gepflanzt. Niedrige Leuchten akzentuieren den Platz bei Dunkelheit. Die einladende Gestaltung des Bahnhofes steht im Vordergrund, die Parkplätze rücken auch räumlich in den Hintergrund, sind aber nach wie vor gut erreichbar. Ausreichend Stellflächen für Pkws sind im hinteren Bereich des Bahnhofs angeordnet. Am Rand des Platzes befinden sich Fahrradständer und Müllcontainer.


Baukonstruktion

Tragwerk

Beim Entwurf des Tragwerks für die Überdachung stand die sinnvolle Anordnung der Bahnhofsfunktionen im Vordergrund. Das Dach besteht aus Kastenträgern aus orthogonal zueinander verschweißten IPE 300 und HEB 200. An acht asymmetrisch gewählten Kreuzungspunkten sind Rundrohre R219,1x6,3 so platziert, dass das Ensemble aus Fahrkartenautomaten, Information und windgeschütztem Wartebereich ausreichend Platz findet. Mit den Doppel-T-Trägern sind die Stützen über geschraubte Kopfplatten elastisch zu einem Rahmen verbunden. Der Kasten-Randträger bildet die Unterkonstruktion für die Verblendung aus Holzlamellen.

Als Gründung für die Dachkonstruktion wurde zunächst wegen des geringeren Schalungsaufwandes ein Plattenfundament erwogen. Da das Dach jedoch über das nach innen gerichtete Gefälle und zwei zusätzliche Rundrohre entwässert wird, wurden die acht tragenden Rundstützen in Köcherfundamente eingespannt.

Die Montage des Daches gestaltete sich spektakulär. Aufgrund der Lage der Baustelle unmittelbar am Bahngleis und an den Oberleitungen forderten die Sicherheitsvorschriften der Bahn den Aufbau eines komplizierten Abstandsgerüstes, das jeden Abend hätte weggefahren werden müssen. Statt dessen entschied die Bauleitung, den Rahmen aus Stahlrohren vor Ort zusammensetzen zu lassen. Auf der dem Gleis zugewandten Seite wurde die Holzverkleidung ebenfalls auf dem Boden montiert. Der Güterverkehr wurde für eine Nacht umgeleitet, die Konstruktion mit Hilfe eines Krans auf die millimetergenau ausgerichteten Stützen gehoben und an den Kopfplatten befestigt. Erst nach der Montage des Daches wurden die restlichen Beplankungen angebracht und die Glasscheiben hinter den Holzlamellen eingesetzt, um Beschädigungen durch Verformungen beim Transport zu verhindern.


Interview

mit dem Landschaftsarchitekten Stefan Kettlitz, schöne aussichten landschaftsarchitektur, Kassel


Was war für Sie die Herausforderung an der Aufgabe?

Die Herausforderung bestand darin, einen vernachlässigten Bahnhof wieder zu beleben und auf der Basis zweckgebundener Funktionen zu einer Visitenkarte der Stadt Grebenstein umzugestalten.

Hat(te) der Ort Qualitäten, die Sie einbinden konnten?
Wir haben die Topografie und die erhabene Lage dazu genutzt, Sichtbezüge zur Stadt und zur Burg herzustellen. Weiterhin tragen wir der Tatsache Rechnung, dass der Bahnhof durch die Ausweisung eines neuen Stadtteils zukünftig eine wichtigere Verknüpfungsfunktion übernimmt.

Welche Bezüge haben Sie beim Entwurf des Daches hergestellt?
Das Bahnhofsdach ist wichtigster Bestandteil in dem neu entstandenen Ensemble von altem Empfangsgebäude, neuem Bahnhofsplatz und neu gestalteter P+R-Anlage einschließlich Freiflächen. Er markiert den neuen Mittelpunkt des Bahnhofes. Äußere Gestalt und verwendete Materialien sind modern, aber unprätentiös arrangiert und passen sich in ihrer Einfachheit in das kleinstädtische Gefüge ein. Das ausladende Dach bietet den wartenden Fahrgästen Schutz vor den Unbilden des Wetters und gewährleistet über eine cross-over-Plattform ein direktes Umsteigen von Bus und Bahn. Nachts wird das Dach von innen beleuchtet und erscheint aus der Ferne wie ein mächtiger Lampenschirm.

Welche Themen haben Sie dabei entwickelt?
Der Bahnhof besteht aus einem Ensemble von Bahnhofsgebäude, Vorplatz, Dach, P+R-Anlage und Freiflächen. Das Zusammenspiel von allen Elementen und das Entstehen aus einem Guss schlägt sich positiv in der Wiedererkennbarkeit und der Funktionalität des Bahnhofs nieder. Neben dem Sichtbarmachen des Bahnhofes spielt die visuelle und funktionale Verknüpfung mit der Stadt eine große Rolle. In naher Zukunft ist die Umsetzung von weiteren fußläufigen Verbindungen geplant. Eine Verlängerung der Gleisunterführung sowie eine Brücke über den Bach „Esse“ werden die Erreichbarkeit der Altstadt auf der einen und dem Neubaugebiet der anderen Seite verbessern.

Ist das Dach für Sie ein Prototyp, den Sie überall aufstellen könnten?
Das Dach ist aus der Eigenart des Ortes individuell entwickelt worden. Jedoch ist das Prinzip übertragbar, das gesamte Bahnhofsareal als Einheit zu begreifen und das Dach einschließlich verglastem Innenbereich als neuen Mittelpunkt herzustellen.


Beleuchtung

Hinter den Lärchenholzlamellen des zwei Meter hohen Dachrandes und dem mattierten Glas der Lichtdecke sind in regelmäßigen Abständen Leuchtstoffröhren für Nassbereiche verlegt. Abgedeckt ist das Dach mit Trapezblech. Der Abstand der Lamellen sowie die Lichtstärke mussten so gewählt werden, dass die Lokführer ungeblendet den Bahnhof durchfahren können. Aus diesem Grund sind die Lamellen auch nicht beweglich. Mit der lichttechnischen Ausstattung des Daches wird nicht der ganze Bahnsteig beleuchtet, sondern nur die Stelle, an der sich die Verknüpfung Bahn – Bus befindet.

Heizung

Das Bahnhofsgebäude wurde mit Hoch-, Mittel- und Niederspannung versorgt, von denen nur letztere weiter genutzt wird. Die Wohnungen erhielten eine neue Elektroinstallation. Aufgrund seiner traditionellen Nutzung, Bauweise und Größe benötigt das Gebäude keine Lüftung und keine Klimaanlage. Die Heizung war für den Bahn- und den Wohnbereich ursprünglich getrennt: Die Bahnräume im Erdgeschoss wurden über eine Öl-Zentralheizung mit Radiatoren erwärmt, die Wohnungen besaßen Einzelöfen. Nun wird das gesamte Gebäude durch ein Gas-Brennwert-Gerät Viessmann Vitodens 200, ergänzt durch einen Speicher-Wassererwärmer Viessmann Vitocell 100, mit Heizung und Warmwasser versorgt. Den kommunalen Auftraggeber überzeugte das sehr gute Preis-Leistungsverhältnis des Gas-Brennwert-Gerätes. Aufgrund seines geringen Gewichtes und seiner kompakten Größe konnte es Platz sparend an einer Wand in einem der Nebenräume auf dem Dachboden montiert werden. Da die Bedienung des Gerätes ausschließlich von vorn erfolgt, waren keine seitlichen Abstände notwendig. Andere Einbaumöglichkeiten bietet der Viessmann Vitodens 200 aufgrund seines Aufbaus, der geringen Abmessungen und der neutralen Oberfläche in „Vitoweiß“ auch im Wohnungsbau, etwa in sparsam bemessenen Küchen und Bädern. Der Viessmann Vitodens 200 weist einen Norm-Nutzungsgrad von 109% auf. Damit reduziert er effektiv Heizkosten und schont die Umwelt: Er erfüllt die Abgasrichtlinien des Umweltzeichens „Blauer Engel“. Die Inox-Radial-Wärmetauscherfläche und der modulierende Edelstahl-Zylinderbrenner sorgen für dauerhaft hohe Effizienz und zugleich für die Langlebigkeit des Geräts. Für die Kombination Jugendwerkstatt – Wohnungen eignet er sich ideal durch die digitale,  vollautomatische Regelung. Die Zeitumstellung zwischen Winter- und Sommerzeit erfolgt automatisch; Spar- und Ferienprogramme können voreingestellt werden und sind dann auf Knopfdruck abrufbar. Damit wird das Gebäude, das von vielen unterschiedlichen Personengruppen und zum Teil nur zeitweise genutzt wird, komfortabel und zuverlässig mit Heizwärme und Warmwasser versorgt.

Autor: Dagmar Ruhnau

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