Ökologie, Ökonomie und soziale Verantwortung – Nachhaltigkeit als Grundlage unternehmerischen Handelns

Der Gedanke der Nachhaltigkeit prägt nicht nur umwelt- und ressourcenpolitische Programme. Die Nachhaltigkeit wird mehr und mehr zu einer essentiellen Grundlage für unternehmerisches Handeln und wirtschaftlichen Erfolg. Warum ist das so?

Ein Zitat von Albert Schweitzer gibt darauf eine Antwort: „Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit, vorauszuschauen und vorzusorgen.“ Damit erkannte und benannte Schweitzer den Grundgedanken der Nachhaltigkeit: Nachhaltiges Denken ist Zukunftsdenken.

Wir leben in einer Zeit, in der natürliche Ressourcen immer knapper werden. Am deutlichsten veranschaulicht das die Endlichkeit der fossilen Energieträger, deren Verbrauch sich seit 1970 verdoppelt hat. Bis 2030 wird er sich verdreifachen und aufgrund der damit verbundenen Emissionen gravierende Auswirkungen auf das Klima haben.

Größte Herausforderung für die Menschheit

Es ist unbestritten, dass es einen von Menschen verursachten Klimawandel gibt. Mit der Nutzung der fossilen Energien in heutiger Größenordnung einhergehen Treibhausgasemissionen, die zu einer globalen Erderwärmung mit kaum beherrschbaren Folgen führen werden. Die Gestaltung einer umwelt- und ressourcenschonenden sowie gleichzeitig wirtschaftlichen Energieversorgung für die Zukunft bleibt daher die größte Herausforderung, der die Menschheit heute gegenübersteht.

Energiewende ist nur mit Effizienzsteigerung möglich

Zu ihrer Bewältigung brauchen wir neue Konzepte. Allerdings ist die viel beschworene Energiewende hin zu einer hundertprozentigen Versorgung mit erneuerbaren Energien nicht so ohne weiteres möglich. Noch tragen die fossilen Energieträger zu fast 80 Prozent zur Energieversorgung bei. Das theoretische Potenzial der Erneuerbaren reicht auch langfristig nur zur Abdeckung von gut 60 Prozent des heutigen Energiebedarfs aus. Deshalb hat die Politik eine Doppelstrategie entwickelt, die nicht nur den Ausbau der erneuerbaren Energien umfasst, sondern auch die Steigerung der Energieeffizienz. Um den verbleibenden Bedarf abzudecken, erfordert es einen ausgewogenen Mix aller verfügbaren Ressourcen. Das reicht vom effizienten Einsatz fossiler Energie über die Nutzung von Solarenergie, Wind und Erdwärme bis hin zur Energieerzeugung aus Biomasse.

Es geht um nicht weniger als um die Sicherung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen.

Wie können wir den Wald nutzen, ohne ihn zu ruinieren?

Die Erde zu „bewahren“ wurde schon in der Bibel gefordert. Doch erst Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Idee der Nachhaltigkeit geboren, so wie sie heute gemeint ist. Damals stand Europa kurz vor einem Ressourcenkollaps: Die zentrale Ressource jener Zeit, das Holz, wurde knapp. Immer mehr Wälder fielen der Axt zum Opfer. Die Bäume wurden als Material für Häuser und Schiffe abgeholzt oder zu Brennholz zerhackt. Erst als der Kahlschlag im 18. Jahrhundert für weite Teile der Bevölkerung zur existenziellen Bedrohung wurde, stellten sich die Menschen die Frage, wie sie den Wald nutzen können, ohne ihn zu ruinieren.

In dieser Frage steckt der wesentliche Aspekt der Nachhaltigkeit, wie ihn 200 Jahre später die Brundlandt-Kommission in ihrer Definition der Nachhaltigkeit aufgriff, die eine Entwicklung forderte, die die gegenwärtigen Bedürfnisse befriedigen sollte, ohne zu riskieren, dass nachfolgende Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr decken können. Damit ist Nachhaltigkeit ein Generationenvertrag über ökonomische, ökologische und soziale Gerechtigkeit. Diese drei Dimensionen der Nachhaltigkeit stehen keineswegs als Solitäre für sich allein: Vielmehr bilden sie die drei Seiten eines Dreiecks als geometrische Urform der Nachhaltigkeit. Sie sind nicht nur unauflösbar miteinander verbunden. Sie bedingen einander.

Nachhaltigkeit ist ethischer Imperativ für Unternehmen

Auf der Konferenz in Johannesburg im Jahre 2002 bekannten sich erstmals Vertreter aus Industrie und Wirtschaft öffentlich zur Nachhaltigkeit. Den Unternehmen erkannten sie die Pflicht zu, zur Entwicklung von gleichberechtigten und nachhaltigen Gemeinschaften beizutragen. Damit wird Nachhaltigkeit zu einem Leitbild. Zu einem ethischen Imperativ, an dem wir unser Denken und Handeln ausrichten und messen können. Dabei kommt es auf das Handeln an. Gute Vorsätze helfen nur bedingt weiter. Wir müssen Nachhaltigkeit auch als eine Handlungsanleitung verstehen.

Zunächst einmal führt dies zur Erkenntnis: Die Wirtschaft ist integraler Bestandteil der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit - der Ökologie, der Ökonomie und der sozialen Verantwortung. Die Wirtschaft ist mit dafür verantwortlich, das Dreieck der Nachhaltigkeit in der Balance zu halten. Doch dazu gehört auch eine gesunde ökonomische Basis, ohne die das Dreieck der Nachhaltigkeit in Schräglage gerät und kippt.

Die Wirtschaft steht in der Verantwortung, die knapper werdenden natürlichen Ressourcen effizient einzusetzen und ihre Übernutzung zu vermeiden. Nachhaltigkeit im Unternehmen heißt deshalb auch: solides kaufmännisches Handeln. Damit verbinden sich zwei Herausforderungen:

Herausforderung Nummer eins betrifft die externe, die nach außen gerichtete unternehmerische Verantwortung. Wer nachhaltig wirtschaften möchte, muss Ressourcen schonen und die Umwelt schützen. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmer müssen die gesamte Wertschöpfungskette ihres Unternehmens durchleuchten. Natürlich müssen auch die Wünsche und Erwartungen der Kunden berücksichtigt und die gesellschaftlichen bzw. sozialen Belange in alle Entscheidungen mit einbezogen werden.

Herausforderung Nummer zwei zielt nach innen. Nachhaltigkeit muss in einem Unternehmen als ganzheitliche Aufgabe gesehen werden. Die Idee nachhaltigen Wirtschaftens muss ganz oben angesiedelt sein und von oben nach unten im ganzen Unternehmen gelebt werden. Das eröffnet vielfältige Chancen: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sind lernende Unternehmen. Sie sind dynamisch und flexibel, sie sind zukunftsfähig.

Nachhaltigkeit und Familienunternehmen sind Synonyme

Nachhaltigkeit und wirtschaftliches Wachstum stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Nachhaltigkeit darf nicht mit Altruismus verwechselt werden. Vielmehr hilft sie Unternehmen, gesund zu wachsen und dauerhaft zu bestehen.

Mittelständler – besonders Familienunternehmen – und Nachhaltigkeit stehen in natürlicher Nähe zueinander. Nachhaltigkeit und Familienunternehmen lassen sich geradezu als Synonyme verwenden: Denn was wäre ein Familienunternehmen, wenn die Inhaber es nicht für nachfolgende Generationen erhalten wollten? Familienunternehmer können im Grunde gar nicht anders, als nachhaltig zu handeln. Für sie ist nachhaltiges Wirtschaften nicht nur unternehmerischer Alltag, sondern ökonomische „Conditio sine qua non“. Familienunternehmer und Mittelständler treffen ständig Investitionsentscheidungen, die die Grenzen zwischen den Generationen überschreiten. Das wissen und bedenken sie. Sie tragen Verantwortung für ihre Mitarbeiter, ihre Kunden, für die Region, in der sie leben. Sie haften mit ihrem Vermögen – und mit ihrem guten Namen. Die meisten sind vor Ort verwurzelt und möchten ihren Standort erhalten und ausbauen.

Globalisierte Gesellschaft am Wendepunkt

Nachhaltigkeit wird künftig ein Erfolgsfaktor für jedes Unternehmen sein. Denn die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in unserer globalisierten Gesellschaft ist an einem Wendepunkt angelangt. Kurzfristige Gewinnmaximierung kann fatale Folgen haben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Welt fast in den Ruin getrieben. So etwas darf es nicht mehr geben.

Wir müssen mit der Umwelt schonend umgehen, die Ressourcen effizienter nutzen und Abfall vermeiden. Das notwendige Wachstum muss künftig durch intelligente Wertschöpfung erfolgen, nicht durch Raubbau an Ressourcen, Umwelt und Klima.

Die Politik kann und muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Aber an uns liegt es, diese Rahmenbedingungen kreativ mitzugestalten und mit unternehmerischen Entscheidungen auszufüllen.

Die Unternehmen müssen Nachhaltigkeitsstrategien entwickeln und umsetzen. Und wir müssen die Gesellschaft mit einbinden. So wird nachhaltiges wirtschaftliches Handeln transparentes Handeln zum Nutzen und zum Wohl aller. Damit werden wir gemeinsam in der Gegenwart die Basis für eine gute Zukunft legen können.

Prof. Dr. Martin Viessmann

Prof. Dr. Martin Viessmann